Der Irrtum vor Ibiza – Seite 1

Mitten in einem der schönsten Gärten Nordwestdeutschlands, auf dem Ehrenfriedhof der Marine im Wilhelmshavener Stadtpark, verborgen hinter Buchenhecken, efeuumrankt und rosenbesteckt, liegen 31 Seemannsgräber.

Matrosen und Heizer wurden hier begraben. Kein Offizier dabei, doch das mag Zufall sein. Davor ein schlichtes Denkmal, in Stein gehauen die Inschrift: "Den Toten des Panzerschiffes ,Deutschland', gefallen am 29. Mai 1937 vor Ibiza".

Ibiza - der Name weckt heitere Gedanken an sonnige Strände "gefallen" klingt nach Krieg. Wie paßt solches zusammen? Denn 1937 war ein Friedensjahr. Wer weiß heute noch, daß Europa schon damals, zweieinhalb Jahre vor dem Beginn des Zweiten Weltkriegs, nur eben am großen Krieg vorbeigeschlittert ist? Dem Überfall "rotspanischer" Flugzeuge auf das Panzerschiff folgte die Beschießung der südspanischen Hafenstadt Almera durch die deutsche Flotte.

Die wiedererstandene Großmacht unter ihrem Diktator Adolf Hitler zeigte, wessen man bei ihr gewärtig sein mußte, fünf Wochen nach der Zerstörung Guernicas durch die Legion Condor.

Noch unlängst konnte man in einer völkisch-nationalistischen Postille lesen, Stalin habe den Angriff auf das deutsche Kriegsschiff befohlen. Dies haben seinerzeit der Kommandant und die Besatzung der Deutschland auch geglaubt und mit ihnen Millionen ihrer Landsleute. Wie es wirklich war, wissen wir erst seit ein paar Jahren, nachdem der britische Marinehistoriker Willard C. Frank jr. russische Quellen auswerten konnte.

Ebenso wie Italien, Frankreich, England und Amerika hatte auch Deutschland nach dem Ausbruch des Spanischen Bürgerkriegs im Sommer 1936 Seestreitkräfte in die iberischen Gewässer entsandt, um gefährdete Ausländer und Flüchtlinge an Bord zu nehmen. Nachdem sich Hitler entschlossen hatte, den Putschistengeneral Franco, der sich mit der Armee gegen die Volksfrontregierung in Madrid erhoben hatte, mit Waffen und "Freiwilligen" zu unterstützen, bekam die junge deutsche Kriegsmarine neue Aufgaben zugewiesen.

Sie mußte im Atlantik die geheimen Schiffstransporte nach Spanien absichern, deutsche Berater gingen an Bord "weißspanischer" (falangistischer) Minensuchboote, und getarnte deutsche U-Boote durften "rotspanische" Kriegs- und Handelsschiffe angreifen (siehe ZEIT Nr. 49/1991, Bodo Herzog: "Piraten vor Málaga").

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Währenddessen saß der deutsche Botschafter Joachim von Ribbentrop in London mit am Tisch des sogenannten Nichteinmischungsausschusses, dem 27 europäische Nationen angehörten, darunter die Sowjetunion. Die Westmächte hatten zu der Konferenz eingeladen, um den Bürgerkrieg auf der Pyrenäenhalbinsel zu lokalisieren. Dabei spielten die Großmächte mit verdeckten Karten. Die britischen Konservativen wünschten eher einen Sieg der Rebellen, damit sich der Sowjetkommunismus nicht am Mittelmeer festsetzte. Die französische Volksfrontregierung duldete klammheimlich den Zustrom von Waffen und Freiwilligen für ihre spanischen Genossen. Deutschland und Italien unterstützten Franco, die Sowjetunion stellte sich auf die Seite der linken Republik. Diese drei Staaten mißbrauchten die Konferenz als Propagandabühne im ideologischen Kampf.

Seit April 1937 wurden die spanischen Küsten überwacht, um den Nachschub für die kriegführenden Parteien einzudämmen. Engländer und Franzosen kontrollierten die von den Putschisten beherrschten Atlantikküsten, Italiener und Deutsche die Mittelmeerküsten, die in republikanischen Händen waren (siehe Karte). Freilich war es nur eine Scheinüberwachung, da die Kriegsschiffe lediglich den Schiffsverkehr registrieren durften.

Am 11. Mai war die Deutschland unter dem Kommando des Kapitäns zur See Paul Fanger von ihrem Heimathafen Wilhelmshaven zu ihrer vierten Spanienfahrt ausgelaufen. An Bord ein Wasserflugzeug, das "gegen rote Flotte und Handelsdampfer aufklären" sollte. Die Informationen wurden ungeniert dem falangistischen Oberkommando zugeleitet. Zwar mußten die Schiffe auf ihren Kontrollfahrten die Dreimeilengrenze beachten. Trotzdem war es allgemein üblich, die Kriegshäfen anzulaufen, um dort Proviant, Öl und Wasser an Bord zu nehmen.

So versammelten sich denn am 26. Mai auf der Innenreede von Palma de Mallorca - die Inselgruppe war von Truppen Francos besetzt - britische, italienische und deutsche Schiffe, aber auch der weißspanische Schwere Kreuzer Baleares, der Ziel eines feindlichen Bombenangriffs wurde. Am nächsten Tag wiederholten sich die Angriffe, obwohl jetzt nur noch ausländische Einheiten im Hafen lagen. Getroffen wurde ein italienisches Hilfsschiff - sechs Offiziere kamen dabei ums Leben. Eine Serie von Bomben fiel unmittelbar neben das deutsche Torpedoboot Albatros. Ihr Kommandant gab jedoch seiner Bordflak keine Schießerlaubnis und mußte sich deshalb vom Oberkommando der Kriegsmarine rügen lassen.

Für Konteradmiral Hermann von Fischel, Befehlshaber aller deutschen Streitkräfte in spanischen Gewässern, stand außer Zweifel, daß es sich um gezielte Angriffe gegen seine Flotte handelte. Darum schickte er sein Flaggschiff, die Deutschland, und deren Schwesterschiff Admiral Scheer nach Palma, um dort anlegende deutsche Boote zu schützen.

Nachdem der englische wie der italienische Befehlshaber wegen der Angriffe sofort per Funkspruch in Valencia, dem Sitz der republikanischen Regierung, protestiert hatten, wollte Konteradmiral von Fischel ein Gleiches tun. Doch der Oberbefehlshaber der Kriegsmarine, Generaladmiral Erich Raeder, untersagte ihm den Protest, da ein vorsätzlicher Angriff auf die Albatros nicht beweisbar sei. Außerdem verbot er den Panzerschiffen, den Kriegshafen Palma noch einmal anzulaufen. Statt dessen wurde die Deutschland nach Ibiza beordert. Obwohl auch diese Insel Franco unterstand, galt sie als sicher, weil es keinen Marinestützpunkt gab. Bei Abendsonnenschein ging die Deutschland auf Reede. Im Hafen wartete bereits das Versorgungsschiff Neptun.

Der Kommandant gab der Mannschaft dienstfrei. Er ließ sogar die Flak-Kriegswache samt deren Ausguck abziehen die Signalwache mußte reichen.

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Etliche Matrosen sonnten sich bei Bordmusik auf dem Oberdeck. In der Mannschaftsmesse standen die Kameraden nach Tabak und Getränken an.

Gegen 19 Uhr tauchte am Horizont ein republikanischer Flottenverband auf - zwei Kreuzer und acht Zerstörer. Vorsorglich befahl der Kommandant eine 10-Minuten-Bereitschaft, damit das Schiff notfalls gleich auslaufen konnte.

Da entdeckt - es ist 19.12 Uhr - der achtern stehende Stabssignalgast Huller, wie in etwa 2000 Meter Höhe zwei Flugzeuge aus der Sonne heraus auf das Schiff zugleiten. Er brüllt: "Flugzeugangriff", und schon läutet Obersignalgast Kaminski die Alarmglocke. Noch ehe überhaupt jemand reagieren kann, kracht es bereits.

Konteradmiral von Fischel räkelt sich gerade in der Badewanne. Er hört die Detonationen, rennt zum Fenster und sieht, wie vier republikanische Zerstörer mit Kurs auf die Insel beidrehen. Sofort funkt er nach Berlin: "Deutschland wird Hafen Ibiza liegend von roter Flotte beschossen". Ein paar Minuten später muß er korrigieren: "Treffer durch Fliegerbomben".

Mittschiffs ist die Hölle los: Rauch, Flammen, gellende Schreie. Das Bordflugzeug brennt lichterloh. Eine Bombe hat das Oberdeck durchschlagen und detoniert im Zwischendeck die Stichflamme schlägt in die offene Kantine. Die andere Bombe ist neben einem Steuerbordgeschütz detoniert es hagelt Schrapnelle. Schlimmer noch: Die Artillerieausgabe, wo Spiritus, Ölfarben und Reinigungsmittel lagern, gerät in Brand rasend schnell breitet sich das Feuer aus. Einige Heizer können sich nur noch mit einem Sprung durch die Bullaugen retten.

Gleichzeitig nehmen die Zerstörer das Panzerschiff unter Feuer. Die zweite Salve liegt schon ziemlich dicht, etwa fünfzig Meter eine Granate saust durch die Funkantenne. Als plötzlich die Munition der Steuerbordbatterie hochgeht und ein feuerroter Ball über dem Schiff aufsteigt, hören die Zerstörer auf zu schießen und drehen ab. Was ist geschehen? Genügt ihnen der vermeintliche Volltreffer? Tatsächlich haben der Flottenchef Admiral Miguel Buiza und sein sowjetischer Berater inzwischen erkannt, daß es die Deutschland ist, die da auf Reede liegt.

Anderthalb Stunden brauchten die Matrosen des Panzerschiffes, um des Feuers Herr zu werden - auch das Torpedoboot Leopard half löschen. Trotz schwerer Schäden im Ober- und Zwischendeck und des Ausfalls einer E-Maschine gelingt es der Mannschaft, das Schiff wieder so weit seeklar zu machen, daß es noch abends nach Südosten abdampfen kann. Wie der Geschichtsschreiber Hans Georg Prager ("Panzerschiff Deutschland / Schwerer Kreuzer Lützow", Herford 1981) errechnet hat, sind bei dem Bombenangriff von 1100 Mann Besatzung 31 ums Leben gekommen (einige erlagen noch nach Tagen ihren Brandverletzungen), 110 wurden verwundet, davon 74 schwer. Kapitän Fanger hernach: "Die teilweise kaum vorstellbaren Eindrücke schauerlichster Art werden die Soldaten kaum jemals vergessen."

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Über die Ursachen des blutigen Zwischenfalls herrschte an Bord und in Berlin zunächst Ratlosigkeit. Niemand hatte die Angriffsflugzeuge identifiziert. Da sie dunkel angestrichen waren, hätten es auch Nationalspanier sein können.

Oder gar italienische Verbündete! Schließlich machte ein Kommuniqué der republikanischen Regierung dem Rätselraten ein Ende: Bei einem Aufklärungsflug über Ibiza seien zwei ihrer Maschinen von der Deutschland unprovoziert unter Feuer genommen worden, das von den Piloten erwidert worden sei. Kein Wort der Entschuldigung oder des Bedauerns.

Diese falsche Darstellung erfüllte die Besatzung mit Rachegelüsten und brachte auch Hitler in Rage. Ganz in der Großmachtmanier Kaiser Wilhelms II.

beim Boxeraufstand ("Peking wird rasiert") wollte er sogleich zur Vergeltung Valencia, die Hauptstadt der Republikaner, bombardieren lassen, ja am liebsten hätte er "Rotspanien" den Krieg erklärt. Propagandaminister Joseph Goebbels brachte seine antibolschewistische Propaganda auf Hochtouren.

Politiker, Militärs, Journalisten schäumten über vor Entrüstung. "Ein schamloser Angriff in vollem Frieden" habe 31 brave Soldaten dahingerafft, so Generaladmiral Raeder.

Zumindest bei den Verantwortlichen war viel Heuchelei im Spiel. Genau vier Wochen zuvor hatten deutsche Flugzeuge Guernica in Schutt und Asche gelegt, und noch kein Jahr war es her, als U-34 ein republikanisches U-Boot mit 44 jungen Matrosen an Bord auf den Grund des Meeres gebohrt hatte. Kurz vor dem Angriff in Ibiza hatte der republikanische Staatsminister José Giral eine Warnung des deutschen Marinebefehlshabers vor "Gegenmaßnahmen" zurückgewiesen. Die legitime spanische Regierung werde sich das Recht nicht nehmen lassen, Häfen der Rebellen anzugreifen. Es gebe keine Garantie für fremde Schiffe, die dort anlegten.

Triumphierend lieferte die Goebbels-Presse am 3. Juni 1937 den "Beweis" für den langgehegten Verdacht: "Die Verbrecher waren Sowjetrussen!" Man berief sich auf den Bericht einer französischen Wochenzeitung, demzufolge eine sowjetrussische Fliegerstaffel in Valencia unter dem selbständigen Befehl eines sowjetischen Obersten für den 29. Mai aus Moskau einen Sonderauftrag erhalten habe.

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Weniger dramatisch war die Aussage eines republikanischen Fliegers, die in einer anderen französischen Zeitung stand: "Wir glaubten, daß wir den Cerveras, den Kreuzer Francos, getroffen hatten." Dasselbe habe er auch nach der Rückkehr in seinem Rapport an den Kommandeur angegeben, der als Hauptmann Jori Arcega vorgestellt wurde. Noch fünf andere spanische Flieger seien beteiligt gewesen. Als "dreisten Lügenbericht" tat der Völkische Beobachter diese Meldung ab. In der Tat hätten es russische Flieger mit spanischen Decknamen sein können.

Im Jahre 1981 gab der Autor Prager neue Forschungsergebnisse spanischer Historiker wieder: Die beiden Flugzeuge waren zweimotorige Maschinen des sowjetischen Typs SB-2 Katjuska. Doch seien alle sechs Flieger bekannte Spanier der republikanischen Luftwaffe gewesen. Diese angeblich "gesicherte Erkenntnis" wurde Anfang der Neunziger von Willard Frank widerlegt: Die republikanische Flotte hatte zusammen mit der sowjetischen Fliegerstaffel unter dem Kommandeur J. J. Proskurow für den 29. Mai 1937 als Ablenkungsmanöver einen kombinierten See- und Luftangriff auf Ibiza geplant.

In der Nacht wurde ein Waffentransporter erwartet, der, ungestört durch die Faschisten, im Geleitzug nach Cartagena gebracht werden sollte. Seit Wochen suchten die sowjetischen Bomberflieger nach dem weißspanischen Kreuzer Baleares, der die Nachschublinien der Republikaner bedrohte. Allerdings waren Bombenflieger damals noch nicht erfahren genug, ein Kriegsschiff von dem anderen genau zu unterscheiden. Freudestrahlend kletterten die Piloten am Abend des 29. Mai aus ihren Maschinen, fest überzeugt, den Rebellenkreuzer getroffen zu haben.

Es war also ein Versehen. Diese Möglichkeit wurde aber nicht mehr erwogen, als Hitler am Abend des 30. Mai in der Reichskanzlei mit den Militärs und Außenminister von Neurath über eine angemessene Reaktion beriet. Man einigte sich darauf, die Hafenstadt Almera anzugreifen und dort das Schlachtschiff Jaime I. zu vernichten. Da es aber inzwischen nach Cartagena gefahren war, wollte Raeder auf die Beschießung Almeras verzichten und den Angriff auf den Kriegs- und Nachschubhafen Cartagena verlegen. Doch Reichskriegsminister Werner von Blomberg mochte keine Verzögerung mehr riskieren. Offensichtlich hatte Goebbels die Presse schon vorab informiert. Die Parteizeitung Wilhelmshavener Kurier kam mit der Schlagzeile heraus: "Wir trauern - wir fordern Sühne".

Am 31. Mai 1937 morgens um 7.30 Uhr Ortszeit erschien das Panzerschiff Admiral Scheer mit den Torpedobooten vor Almera und eröffnete ohne Vorwarnung das Feuer. Eigentlich sollte das Bombardement im Schutz der Dämmerung beginnen, aber wegen eines Verschlüsselungsfehlers verzögerte sich der Einsatzbefehl aus Berlin. Der Verband konnte unbekümmert an die Küste heranfahren, denn die Engländer hatten das Umfeld minenfrei geräumt. Etwa vierzehn Tage zuvor war hier der britische Zerstörer Hunter auf eine Treibmine gelaufen - übrigens eine deutsche acht Seeleute hatten dabei den Tod gefunden.

Als der erste Schuß fiel, stürzten die Menschen auf die Straßen. Die Deutschen legten zunächst, ehe sie den Hafen bombardierten, einen Granatenfächer über die ganze Stadt, keine Straße, die nicht etwas abbekam.

Eine dreißig Meter hohe Rauchsäule stand über den Dächern. Viele Häuser waren zerstört. Als zwei Küstenbatterien zurückschossen, wurden sie niedergekämpft.

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Nach einer Dreiviertelstunde verzog sich die deutsche Flotte. Am Mast wehte stolz die Reichskriegsflagge: Heute war Skagerraktag! (Vor 21 Jahren hatten sich die kaiserliche und die britische Flotte vor der Küste Jütlands eine denkwürdige Schlacht geliefert.)

Wie es hieß, wurden nachher 24 Tote und 100 Verletzte in Almera gezählt 8000 Menschen waren obdachlos. Anderntags flohen viele Einwohner mit Maultieren und Lastkarren aus der Stadt in die umliegenden Berge. "Was sollen wir von der Zivilisation einer Welt denken, in der die einzige Vergeltung für die Bombardierung eines Kriegsschiffes die Beschießung einer mit Frauen und Kindern angefüllten Stadt ist?" fragte der Sunday Express. Die Deutschen - sofern nicht jemand Radio Beromünster hörte oder die Times las - erfuhren lediglich, die deutsche Flotte habe den befestigten Hafen von Almera zerstört.

Vor dem Korrespondenten der New York Times in Berlin gaben Eingeweihte zu, Deutschland habe das Völkerrecht verletzt und sich nicht an das übliche diplomatische Verfahren gehalten, aber da es im republikanischen Spanien an einer verantwortlichen Autorität fehle, sei nur die Wahl der Selbsthilfe geblieben. Hitler hatte außerdem die Mitarbeit im Londoner Nichteinmischungsausschuß eingestellt das faschistische Italien schloß sich diesem Schritt an. Die deutsche Marine beteiligte sich nicht länger an der Überwachung der spanischen Küsten.

"Sehr gefährlich" befand der britische Außenminister Anthony Eden die deutsche Aktion. Sein Botschafter beschwor den deutschen Außenminister, man möge doch "nicht den Roten den Gefallen tun, die Auseinandersetzung in Spanien zu einem Weltkrieg auszuweiten".

Die Regierung in Valencia beschied sich mit einer Beschwerde beim Völkerbund und einem Appell an die Weltöffentlichkeit. Dies geschah nicht zuletzt aus Rücksicht auf die Sowjetunion, von deren Hilfe die Republik abhing. Stalin hatte in jenen Wochen alles andere im Sinn, als einen Krieg in Europa zu entfachen (wie ihn der republikanische Verteidigungsminister Pietro angestrebt haben soll). Am 12. Juni hat er Marschall Tuchatschewskij und andere hohe Offiziere erschießen lassen, also praktisch die Rote Armee enthauptet.

Ernst von Weizsäcker, der Leiter der Politischen Abteilung des Auswärtigen Amts, notierte am 4. Juli 1937: "Aus der spanischen Krise es zum Krieg kommen zu lassen, wird deutscherseits abgelehnt." Und Botschafter von Ribbentrop berichtete aus London seinem Führer: "England will den Frieden, ebenso Frankreich." Hitler war daran interessiert, daß sich der Bürgerkrieg in Spanien noch länger hinzog damit bekam Deutschland freie Hand, seine Nahziele in Europa zu erreichen.

Noch baute die britische Regierung auf den Erfolg ihrer Appeasementpolitik.

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Zwischen der deutschen und britischen Marine - Offizieren wie Mannschaften - bestand im Mittelmeer ein nahezu herzliches Verhältnis. Das zeigte sich, als die Deutschland den Hafen von Gibraltar anlief, um dort ihre Toten an Land zu bringen und die Schwerverwundeten einem britischen Lazarett anzuvertrauen.

Obwohl das Hospital gar nicht auf so viele Patienten eingestellt war, gaben sich die Ärzte alle erdenkliche Mühe. Es wurden sogar noch Krankenschwestern aus England eingeflogen. Die Bevölkerung von Gibraltar überschüttete die Verwundeten mit Liebesgaben.

Als das Panzerschiff den Befehl erhielt, sich wegen der angespannten Lage sofort wieder dem Flottenverband anzuschließen, mußte die Besatzung darauf verzichten, ihren toten Kameraden das letzte Geleit zu geben. Wie selbstverständlich erklärten sich daraufhin der britische Gouverneur und das britische Militär bereit, den Deutschen am 31. Mai 1937 ein ehrenvolles Begräbnis zu bereiten, mit einer Trauerparade, wie sie Gibraltar noch nie gesehen hatte.

Dem Trauerakt folgte wenige Tage darauf ein makabres Nachspiel. Hitler hatte sich in den Kopf gesetzt, die Helden der Deutschland müßten ihre letzte Ruhe in der Heimaterde finden. Also hatte ein hoher Offizier der Kriegsmarine den peinlichen Weg zum Gouverneur von Gibraltar anzutreten und um eine Exhumierung zu bitten. Obwohl nach den Gesetzen der Kronkolonie die Toten erst nach Ablauf eines Jahres wieder ausgegraben werden durften, willigte der Gouverneur anstandslos ein. Um die Bevölkerung nicht zu enttäuschen und den britischen Streitkräften abermalige Ehrenbezeugungen zu ersparen, wurden die Särge am 11. Juni bei Nacht aus der Erde geholt und auf die Deutschland gebracht, die unauffällig an der Reede des Handelshafens festgemacht hatte.

Am Abend des 16. Juni kehrte das Panzerschiff in seinen Heimathafen zurück.

Fast ganz Wilhelmshaven war auf den Beinen, als die Särge von Bord getragen wurden. Flottenchef Admiral Rolf Carls rief den Angehörigen der Toten zu: "Setzt vor die Trauer den Stolz!" Wieder einmal brillierten die Nationalsozialisten in der Kunst des Totenkults. Schwarzumhüllte Pylonen mit den Namen der Gefallenen und Fackeln säumten den Weg zum Garnisonsfriedhof.

Die Grabstätte liegt gegenüber dem Hochkreuz, das die Gräber von 800 Opfern der Skagerrakschlacht überragt.

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Zum Staatsbegräbnis am 17. Juni kam Hitler samt der SS-Leibstandarte.

Generaladmiral Raeder hielt die Trauerrede und mühte sich, dem Tod der jungen Soldaten einen Sinn zu geben: Ihr Opfer sei "der ganzen Welt blutiges Warnungszeichen geworden, wach zu sein und nicht zu erlahmen im Kampfe gegen den Bolschewismus".

Die anhaltende "Wir sind wieder wer"-Stimmung in Deutschland wurde nicht von allen geteilt. Vizeadmiral a. d. Walther von Keyserlingk, ein diplomatisch erfahrener kaiserlicher Offizier, schrieb besorgt dem jüngeren Kameraden Raeder, daß sich die "Selbstberauschung" des Volkes noch "als eine gefährliche Selbsttäuschung entpuppen könnte". Raeder antwortete, die Ehre der deutschen Nation befinde sich beim "heutigen Führer in guter Hut".

Stolz trugen nun Schulknaben Marinemützen mit dem Schriftband "Panzerschiff Deutschland". Und die Älteren wurden die Ahnung nicht los, es gebe bald wieder einen großen Krieg.