Früher waren es Hähnchen, jetzt sind es ausgewachsene Verkehrsjets von Boeing, McDonnell und Airbus, die einen transatlantischen Handelskrieg zwischen den Vereinigten Staaten und Europa heraufbeschwören. Und noch bevor US-Präsident Bill Clinton in dieser Woche nach Den Haag kommt, um mit EU-Kommissions-Chef Jacques Santer und anderen Spitzenpolitikern der Alten Welt zu verhandeln, steht fest: je größer die Vögel, desto ernster der Konflikt. Der britischen Financial Times war er schon die Schlagzeile "Sturm über dem Atlantik" wert.

Der umstrittene Plan liegt seit Dezember vergangenen Jahres auf dem Tisch: Boeing, der mit Abstand weltgrößte Hersteller von Passagierflugzeugen, will für 13,3 Milliarden Dollar seinen nationalen Konkurrenten McDonnell Douglas schlucken und hat es dabei vor allem auf dessen lukratives Militärgeschäft abgesehen. Im Markt für Verkehrsjets hat McDonnell viel von der früheren Stärke eingebüßt im vergangenen Jahr buchte der zweitgrößte US-Produzent nur noch 3,3 Prozent aller Airline-Aufträge für Flugzeuge mit mehr als 100 Sitzen. Zum Vergleich: Boeing sicherte sich 64 Prozent und der europäische Rivale Airbus 32,3 Prozent.

Nur auf den ersten Blick überraschend: Der Gegenwind für die rein amerikanische Fusion weht aus Brüssel. Karel Van Miert, in der EU-Kommission zuständig für Wettbewerb, schickte Boeing und McDonnell in der vergangenen Woche offiziell eine lange Liste von Einwänden gegen den geplanten Formationsflug und forderte beide Unternehmen auf, bis zum 12. Juni Stellung zu nehmen - an diesem Tag soll in der belgischen Hauptstadt ein zweitägiges Hearing zum Fall beginnen. Bis spätestens 31. Juli muß die Brüsseler Behörde darüber entscheiden, ob die beabsichtigte Allianz mit den Wettbewerbsregeln der EU vereinbar ist.

Einige US-Senatoren, die ebenso wie das Pentagon die Fusion begrüßen, konnten anfänglich kaum glauben, was sich die Europäer da herausnehmen. Aber Fakt ist: Die Kommission muß nach der Verordnung 4064/89 Zusammenschlüsse untersuchen, wenn die beteiligten Unternehmen mehr als fünf Milliarden Ecu Umsatz machen oder innerhalb der EU jährlich für mehr als 250 Millionen Ecu verkaufen. Die geographische Herkunft der Fusionskandidaten spielt dabei keine Rolle.

Die "extraterritoriale" Fusionskontrolle der EU ist, sieben Jahre nach Erlaß der Verordnung, auch de facto nichts Neues. Regelmäßig erhält die Kommission Anträge von fusionswilligen Nicht-EU-Unternehmen zur Prüfung vorgelegt. Im vorerst letzten großen Fall gab Brüssel vor einem knappen Jahr den beiden Schweizer Pharmaherstellern Sandoz und Ciba-Geigy grünes Licht, sich zum Novartis-Konzern zusammenzuschließen - allerdings erst, als die beiden Kandidaten mit der Forderung der Kommission einverstanden waren, sich von einigen Geschäftszweigen zu trennen und an Dritte weiterzuveräußern.

Auch Verbote hat es bereits gegeben - so im Fall der beiden südafrikanischen Minengesellschaften Gencor und Lonrho. Bemerkenswert war hierbei die gute Kooperation der Kommission mit der Wettbewerbsbehörde am Kap.

Die Macht der Brüsseler Wettbewerbshüter haben selbst amerikanische Konzerne schon zu spüren bekommen. Obwohl deren Washingtoner Counterpart, die Federal Trade Commission (FTC), keine Einwände gegen das Zusammengehen der Papierhersteller Kimberley Clark und Scott Paper hatte, legte sich die EU-Kommission quer, bis ihre Bedingungen akzeptiert waren: Verkauf einiger europäischer Fabriken und Handelsmarken.