Das Wissen und die Kunst der Ärzte bringe sie "gegenüber dem übrigen Publikum in die Stellung älterer Geschwister, welche für ihre unreiferen und unklügeren Brüder zu sorgen haben". Diesen hochgemuten Satz schrieb im vergangenen Jahrhundert der Dresdner Medizinprofessor Hermann Eberhard Richter, einer der Begründer des Deutschen Ärztevereinsbundes, kurz bevor sich dieser auf dem ersten Deutschen Ärztetag in Wiesbaden konstituierte. Nun wird des Dresdner Mediziners erneut gedacht, nämlich auf dem hundertsten Deutschen Ärztetag, der in dieser Woche im thüringischen Eisenach stattfindet.

Heute müßte Gründervater Richter allerdings feststellen, daß gefährliche Spannungen in der Familie herrschen. Die Patienten lassen sich nicht mehr wie unreife Kinder bevormunden. Und die großen ärztlichen Brüder sind zunehmend untereinander zerstritten, viele geraten auf Abwege beim Kampf um die eigene wirtschaftliche Existenz. Das Jubiläumstreffen ist also kein Anlaß zum Jubilieren, sondern eher zum Nachdenken: Denn wie läßt sich der wachsende Konflikt zwischen Arzt und Patient entschärfen?

Hätte Hermann Eberhard Richter heute in Eisenach eine Diagnose der seit Jahren schwelenden Auseinandersetzung zu treffen, so käme er wahrscheinlich zu folgendem Ergebnis: Wir erleben einen Verteilungskampf zwischen Alten und Jungen, Gesunden und Kranken, Armen und Reichen. Während die große Schar der Alten und Kranken stetig weiterwächst, drängen auch Ärzte und Therapeuten in zunehmender Zahl auf den Gesundheitsmarkt. Der Verteilungskampf wird härter, denn die gesetzlichen Krankenkassen stehen unter vielfachem Druck. Sie schleppen immer mehr Arbeitslose mit geringen Beiträgen durch. Der Unmut der Beitragszahler wächst angesichts steigender Tarife und sinkender Reallöhne. Der medizinische Fortschritt verschärft diesen Konflikt noch, denn er erzeugt zusätzliche Kosten, durch neue Medikamente, Diagnostika, Techniken und Verfahren. Gleichzeitig erzwingt er eine ebenfalls kostenträchtige, immer weitergehende Spezialisierung der Ärzte.

Daher läuft die moderne Medizin Gefahr, vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr zu sehen. Vor allem der Patient benötigt eine koordinierende Instanz, die ihn durch den unübersichtlichen Dschungel des ärztlichen Angebotes leitet. Diese Funktion könnte der Hausarzt übernehmen. So käme der Leibarzt als Leitarzt wieder zurück. Damit gerät allerdings der Grundsatz der freien Arztwahl ins Wanken. Längst hat man in Holland (ZEIT Nr. 11 vom 7.März 1997), in Norwegen, in der Schweiz oder in den Vereinigten Staaten begriffen, daß die meisten Patienten mit der Frage überfordert sind, an welchen Arzt sie sich bei einem bestimmten Leiden zuerst wenden sollen. Deutsche Patienten können hingegen mit ihrer Chipkarte munter von Spezialist zu Spezialist eilen und Kosten produzieren - jüngst wurde in Westfalen der Fall eines Patienten bekannt, der in einem Quartal 57 Doktoren abgeklappert hatte.

Das Hauptproblem der gesetzlichen Krankenversicherung in Deutschland ist, daß sie ungewollt unwirtschaftliches Verhalten fördert. Der Patient hat keinen Einfluß auf seine Beitragszahlungen und unterliegt leicht der Versuchung, für das eingezahlte Geld ein Maximum an Leistungen für sich herauszuholen. Die Ärzte ihrerseits müssen bisher keine strengen Qualitätskontrollen befürchten und steigern ihr eigenes Einkommen, wenn sie möglichst viele Patienten mit möglichst vielen abrechenbaren Leistungen beglücken. So macht sich zunehmend eine Gefälligkeitsmedizin breit: Um den Patienten weiter an sich zu binden, bieten viele Ärzte populäre Leistungen an, darunter gelegentlich auch recht dubiose Verfahren. So erfreut sich beispielsweise die Homöopathie nicht zuletzt deshalb bei Medizinern wachsender Beliebtheit, weil sie sich rentiert. Für die zeitaufwendige homöopathische Diagnose und Suche nach dem individuell richtigen Medikament gibt es bei etlichen Kassen mehr Honorar als für eine klassische medizinische Erstuntersuchung.

Ansonsten wird das ausführliche Gespräch mit dem Patienten nicht ausreichend honoriert, wohl aber das Diagnostizieren mit Apparate- und Laborleistungen. So kann es in einem System, das kaum Kontrollen kennt, eben geschehen, daß ein Mensch 57 Doktoren konsultiert, ohne daß sein Leiden richtig erkannt und befriedigend therapiert wird. Ein früherer Versuch, die sogenannte sprechende Medizin höher zu entlohnen, scheiterte am Konkurrenzverhalten der Ärzte: Schlagartig rechneten fast alle ausführliche Beratungen ab. Da das Gesamthonorar jedoch festgeschrieben war, blieb für den ehrlichen Arzt nur wenig im Honorartopf.