Vier bis fünf Jahre wird es dauern, bis die vom Schweizer Parlament eingesetzte internationale Historikerkommission die ganze Wahrheit über das Ausmaß der Kollaboration zwischen der Schweiz und dem Nazireich bekanntgeben wird. Wer nicht solange warten will, kann sich jetzt bereits in zwei Werken, die beide auf gründlicher Quellenforschung beruhen, darüber kundig machen, wie die neutrale und humanitäre Schweiz im Zweiten Weltkrieg ihre Unschuld verloren und danach fünfzig Jahre lang mit Erfolg die dunkelsten Seiten dieser Liaison verheimlicht hat. Beide Journalisten haben Erstaunliches ans Licht gebracht und schreiben fesselnd, auch wenn man sie sich unterschiedlicher kaum vorstellen kann: hier der solide arbeitende, behutsam urteilende Schweizer Pragmatiker Werner Rings, Jahrgang 1910, dort der jüngere Engländer Tom Bower, ein unermüdlicher Spurensucher und Nazijäger, durch und durch Moralist.

Das Buch von Rings - "Raubgold aus Deutschland" - ist in der Schweiz bereits vor zwölf Jahren erschienen, doch in der übrigen Welt zu wenig beachtet worden, sonst hätte der neu entfachte Streit um das Nazigold nicht in Presse und Politik einen solchen Sensationsrummel entfachen können. Die deutsche Neuauflage, versehen mit einem aktuellen Nachwort, ist so lesenswert wie lehrreich. Rings war der erste, der das Dickicht um die Goldtransaktionen der Schweizer Banken gelichtet und anderen Forschern Türen aufgestoßen hat. Gold im Wert von 1,7 Milliarden Schweizer Franken hat die Deutsche Reichsbank im Krieg nach Bern überführt, eine für damalige Verhältnisse irrsinnig hohe Summe. Die Goldimporte aus Berlin machten mehr als ein Drittel der gesamten Weltproduktion aus.

Der Großteil des Raubgoldes kam aus Belgien und Holland. Der belgische Goldschatz war noch im letzten Moment dem Zugriff der Deutschen entgangen und von den Franzosen nach Dakar in Westafrika verschifft worden. Aus der französischen Kolonie haben ihn die Deutschen über Tausende von Kilometern zurückgeholt, auf einer abenteuerlichen achtzehnmonatigen Reise, wie sie Karl May nicht besser hätte erfinden können. Transportiert wurden die Goldbarren mit Bahnwaggons und Lastwagen, auf Flußbooten und Kamelrücken, zuletzt mit Flugzeugen. Ehe es 1943 in die Schweiz gelangte, hatte man es umgegossen und mit falschen Kennziffern versehen.

Die Schweiz wurde als Golddrehscheibe ausersehen, nachdem das Deutsche Reich mangels Devisen nicht mehr die für die Rüstung unentbehrlichen seltenen Metalle kaufen konnte: Mangan aus Spanien, Wolfram aus Portugal, Chrom aus der Türkei. Das Gold wurde in harte Schweizer Franken umgewandelt, mit denen Deutschland die Erzzufuhr bezahlte. Die Schweiz kaufte das Gold und verkaufte es weiter an Drittländer. In der Praxis ging das schnell und still über die Bühne: In den bernischen Tresoren der Nationalbank wurden die 12,5 Kilo schweren Barren einfach über den schmalen Flur von einem Regal ins andere gelegt; so wechselten Anfang Juli 1943 zum Beispiel 147 Barren vom deutschen ins portugiesische Depot. Emil Puhl, Vizepräsident der Reichsbank, versicherte seinen Schweizer Freunden unentwegt, das Gold stamme aus deutschen Beständen. Nur zu gern glaubten ihm die Berner Banker, erlaubten sich sogar Scherze: "Sie schicken uns doch kein gestohlenes Gold?"

Das Goldgeschäft mit den Deutschen war, so Rings, "verlockend, in mancher Beziehung höchst willkommen". Denn die Schweiz war selber in Nöten, seit die Vereinigten Staaten im Juni 1941 Guthaben von 6,3 Milliarden Franken blockiert hatten. Je länger der Krieg anhielt, desto enger sahen sich das Großdeutsche Reich und der Kleinstaat Schweiz aneinandergekettet - nicht nur durch das Gold, sondern auch durch das Rüstungsgeschäft. Während alliierte Bomber die deutsche Industrie zertrümmerten, arbeitete in der friedlichen Schweizer Oase die deutsche Wehrmacht. Die Schweiz eröffnete dem Reich sogar noch Rüstungskredite von mehr als einer Milliarde Franken, Kredite … fonds perdu. Für die regierenden Eidgenossen war der Kredit "die stärkste wirtschaftliche Verteidigungswaffe der Schweiz".

Rings hat dafür Verständnis: Ein schwaches Land müsse sich mit seinen großen Nachbarn arrangieren und die altrömische Rechtsformel des do ut des - Ich gebe, damit du gibst - zur Maxime seiner Außenpolitik und seines Außenhandels machen. In den Papieren der Schweizer Nationalbank hat er nicht den geringsten Hinweis gefunden, der auf eine politisch motivierte Kollaboration hätte schließen lassen.