Der Fall hat Schlagzeilen gemacht, weil er voller Rätsel steckt.

Viereinhalb Jahre ist es her, daß die Schülerin Anna B. am 21. Januar 1993 starb. Todesursache: akute Arsenvergiftung. Ein qualvolles Ende: Die ganze Nacht hindurch hatte die Siebenjährige erbrochen.

Am Morgen brachten die Eltern das Mädchen in die Klinik. Zu spät - trotz aller Bemühungen der Ärzte überlebte es den Vormittag nicht.

Rasch konzentrierten sich die Ermittlungen der Kriminalpolizei auf Elisabeth F., Annas Tante. In Verdacht geraten war sie, weil Anna die letzten Stunden vor der dramatischen Erkrankung mit ihr zusammen verbrachte. Wer ist Elisabeth F.? Im November 1995 verurteilte das Landgericht Stuttgart die heute 43jährige Frau zu lebenslanger Haft, in der Überzeugung, sie habe ihrer Nichte und Patentochter Arsen in jene Portion Pistazieneis gemischt, die Anna am letzten Abend ihres Lebens voller Genuß verputzt hatte.

Aber warum? Warum sollte eine unbescholtene, kinderlose Frau in gutsituierten Lebensumständen, die nach eigener Aussage an dieser Nichte zärtlich hing, sie verwöhnte und sogar eines Tages zur Erbin ihres Vermögens machen wollte, auf heimtückische Art und Weise ein Kind umbringen? Ein Motiv für dieses Verbrechen konnten die Stuttgarter Richter nicht anführen, und genau dies bemängelte auch der Bundesgerichtshof, der den Schuldspruch aufhob und den Fall an das Landgericht Heilbronn verwies. Dort wird jetzt die Revision verhandelt.

Gelegenheit, die Begleitumstände von Annas Tod noch einmal unter die Lupe zu nehmen. Das Kind, von Angehörigen als "Sonnenschein" und "Augenstern" der Familie beschrieben, lebte mit den Eltern in der Kleinstadt Tamm bei Ludwigsburg. Gutbürgerliche Verhältnisse, wenn auch nicht ohne Schatten: Der Vater ist Kaufmann, die Mutter leidet seit Annas Geburt unter Multipler Sklerose. Elisabeth F., die Schwester des Vaters, ist in Königstein bei Frankfurt mit einem erfolgreichen Personalberater verheiratet und besucht die Verwandten im Schwäbischen regelmäßig.

Auch für den 20. Januar 1993 hat Elisabeth F. ihr Kommen angekündigt.

Eine ihrer drei Bulldoggen soll in Stuttgart zum Tierarzt gebracht werden. Anna macht nach dem Mittagessen ihre Hausaufgaben und wartet. Was Elisabeth F. ihr bedeutet, läßt sich nur ahnen: Die auffallend gut angezogene Tante, intelligent, gewandt und stets im Porsche unterwegs, hat so gar nichts Provinzielles an sich wie die eher bescheiden lebenden Eltern. Ein Eindruck, der offenbar zu einigen Vorbehalten bei den Richtern beiträgt.

Herr und Frau B. verlassen das Haus, sie besuchen einen Vortrag im Gemeindehaus. Anna, tierlieb wie viele Mädchen ihres Alters, genießt es, die Hunde ausführen zu dürfen. Wieder daheim, machen Elisabeth und Anna es sich gemütlich, und dazu gibt es für Anna eine ordentliche Portion Pistazieneis von Dr. Oetker, aus der Haushaltspackung, und obendrauf noch Schokoladensauce. Die Tante dankt - nur Eis, aber keine Sauce für sie.

Kurz nachdem Anna ins Bett gegangen ist, kehren die Eltern B.

zurück. Um 22.30 Uhr ein klägliches Rufen nach dem Vater aus dem Kinderzimmer: Anna ist übel, furchtbar übel. Sie habe schon zweimal "gespuckert", teilt sie mit. Die Eltern tun, was in solchen Fällen üblich ist - versuchen mit Wärmflasche, Tee und Tropfen aus der Hausapotheke, die Magenverstimmung in den Griff zu bekommen. Vergebens - am Morgen erkennen sie, daß Anna in die Klinik eingeliefert werden muß, und zwar schnellstens.

Den Zeitraum von Annas Vergiftung hat der Gutachter Professor Gustav Drasch, Toxikologe aus München, recht genau eingegrenzt: "Bis zum Auftreten der ersten Symptome", dem Erbrechen also, "können nicht mehr als anderthalb Stunden vergangen sein." Damit bestätigt er die Vermutung, die tödliche Dosis sei im Eis oder in der Sauce zu finden gewesen. Freilich: Andere Experten halten die Latenzzeit, also den Zeitraum zwischen Einnahme und Symptom, für länger. Drasch ist sicher, daß Anna die vierzig- bis fünfzigfach tödliche Menge Arsen keinesfalls "lange in ihrem Magen herumgetragen hat". Arsentrioxyd, ein geschmackloses Pulver, galt früher, in winzigen Maßen genossen, als Stärkungsmittel.

Auch die Verteidiger von Elisabeth F. halten es für möglich, daß Anna das Gift mit dem Pistazieneis schluckte und nicht etwa mit anderen Lebensmitteln, die sie im Lauf des Tages zu sich nahm.

Aber muß denn das Eis unbedingt von Elisabeth F. präpariert worden sein? Wäre nicht denkbar, daß ein Unbekannter, in welcher Absicht auch immer, genau diese Haushaltspackung in die Finger bekam und vergiftete? Der Verteidiger Gunter Widmaier hält diese These für plausibel und sammelt in der juristischen Literatur Beispiele für das, was er "anonym-abstrakte Produktvergiftung" nennt. Zwar wurde und wird der Eishersteller, die Firma Oetker, häufig von Erpresserbriefen aufgeschreckt, doch zur Tatzeit gab es keine ernstzunehmenden Versuche dieser Art. Freilich finden sich auch Beispiele für pathologische Giftmischer, die nicht aus Geldgier handeln, sondern aufgrund von Wahnvorstellungen.

So starben 1982 und 1986 in den USA acht Menschen, nachdem sie das Schmerzmittel Tylenol eingenommen hatten - ein Unbekannter hatte die Tabletten mit Zyanid versetzt. In Milchpackungen, die 1988 auf Autobahnraststätten in Rheinland-Pfalz verkauft wurden, fand sich das Rauschmittel Skopolamin niemals fand die Kripo heraus, wer die Getränke präpariert hatte oder in welcher Absicht er es tat.

In der Verhandlung meldet sich Elisabeth F. nur sporadisch zu Wort, jedesmal leise und dezidiert mitunter ergänzt sie auch Zeugenaussagen, wenn sie den Eindruck hat, sie seien unvollständig.

Hier und da scheint ihr Auftreten Irritationen hervorzurufen: Schon zu Beginn der Ermittlungen galt sie den Kriminalbeamten als "auffällig", rein äußerlich, da sich Gäste von Annas Trauerfeier kritisch über die Verwandte geäußert hatten, die ihrer Meinung nach "aufgedonnert" gekleidet war und zudem "flapsig" daherredete.

Sind Giftmörderinnen teuer angezogen? Ganz anders hingegen die Einlassung der bestürzten Eltern: Das Verhältnis zur Angeklagten, so teilen sie mit, sei immer gut gewesen, für eine solche Tat gab es keinerlei einleuchtende Begründung.

Es hilft nichts - für den Oberstaatsanwalt Herbert Seling scheint F.s Verhalten über alle Maßen verdächtig: Fuhr sie nicht am Morgen, als Anna in der Klinik lag, wie geplant nach Stuttgart zum Tierarzt?

Wie konnte sie nur die aufgelösten Eltern in dieser Situation allein lassen? Sie habe "Normalität" signalisieren wollen, analysierten die Richter im ersten Prozeß. Staatsanwalt Seling geht noch weiter: In Wirklichkeit sei der Termin für Frau F. zweitrangig gewesen, sie "mußte aus einem einzigen Grund in das Haus der Eltern", nämlich um dort die Geschirrspülmaschine anzustellen, in der sich noch die Eisschale mit den Resten der Giftmahlzeit befand.

Tatsächlich sprach Elisabeth F. selbst davon, und zwar, als sie in der Klinik von Annas Tod erfuhr. Ihrer Erinnerung nach stellte sie in jenem Moment fassungslos fest: "Mein Gott, Anna stirbt, und ich erledige noch solche banalen Dinge . . ." Ein Ablenkungsmanöver, glaubt Seling, der auch Anzeichen von "Mordlust" erkennt. Doch weder der psychologische Sachverständige noch der Kieler Psychiater Hermann Wegener haben auch nur "einen Deut einer Persönlichkeitsstörung" bei der Angeklagten erkennen können.

Noch in diesem Monat soll das Schwurgericht den Prozeß abschließen.

Vier der fünf Richter, darunter zwei Schöffen, müßten von Elisabeth F.s Schuld überzeugt sein, um das Stuttgarter Urteil zu bestätigen.