Nach 22 Jahren kam sie wieder raus. Im Sommer 1994, 47 Jahre alt, noch immer dieselbe Frisur, dieselbe Figur, dasselbe junge Mädchen als alte Frau - Irmgard Möller ist in der Haft krank und grau geworden, verändert hat sie sich nicht. Eine Veteranin der RAF war sie bereits, als sie mit 25 Jahren, am 8. Juli 1972, in Offenbach festgenommen wurde. Zur Jeanne d'Arc des Linksterrorismus wurde sie am 18. Oktober 1977, als in Stammheim Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe starben und Irmgard Möller mit sieben Zentimeter tiefen Stichwunden in der Herzgegend überlebte. 1979 wurde sie wegen eines Bombenanschlags auf das US-Hauptquartier in Heidelberg, bei dem drei amerikanische Soldaten starben, zu lebenslänglicher Haft verurteilt.

Wie fängt das an, was so endet? Der Journalist Oliver Tolmein hat mit Irmgard Möller ein Jahr lang gesprochen. "Angesichts des fortgesetzten Auflösungsprozesses der Linken", schreibt er mit verhaltener Revolutionsromantik, sei es ihm wichtig, "einen anderen Blick auf diesen Abschnitt linksradikaler Politik zu eröffnen, der die Aufbruchstimmung erfaßt, das antiautoritäre, rebellische Moment."

Angefangen hat das in Hannover, streng katholisch. Irmgard hört nicht gern die Beatles und verbringt, gerade sechzehn Jahre alt, den Sommer 1964 auf einem Platz in der hannoverschen Innenstadt, wo sie Leute aus Armenien, Persien und Palästina kennenlernt.

Sie studiert Althochdeutsch und Altfranzösisch, aber auch die Texte der chinesischen Kulturrevolution, die ihr wie maßgeschneidert auf das bundesdeutsche Studentenleben zu passen scheinen. Das Wichtigste am Leben damals war, sagt sie, die "Lust" daran. Die Themen: Afrika, Kuba, Vietnam, die Gewalt des Staates und wie man dagegen kämpfen kann. Die Perspektive der jungen Revolutionäre war "internationalistisch", ihr Kampf ein "weltweiter Klassenkrieg".

Warum das alles? Irmgard Möller poliert die alten Kampfparolen.

"Eine Dialektik" wollte die akademische Guerilla in Gang bomben, den "Blick auf das Wesen und die Mechanismen der Machterhaltung" freischießen. Ein paramilitärisches Hegelseminar ist die RAF in diesen Gesprächen, eine maoistische Love Parade: "Die RAF war für uns die Befreiung im umfassenden Sinn." Nach dem kurzen Frühling der Lebenslust kam der deutsche Herbst, die Schleyer-Entführung, Mogadischu. Von der Stürmung der entführten Landshut in der Nacht zum 18. Oktober hat Irmgard Möller angeblich nichts gewußt. Auf und ab sei sie in dieser Nacht in ihrer Zelle gelaufen, um die ersten Nachrichten um 6 Uhr nicht zu verpassen. "He", habe sie dann durch die Zellentür noch zu Jan-Carl Raspe gerufen, "um einfach auch zu wissen, was ist". Dann sei sie doch eingeschlafen und am Morgen mit vier Stichen in der Brust im Umschlußflur wieder aufgewacht, als ihr jemand unterm Neonlicht die Lider hochzog.

Waffen habe es in den Zellen nicht gegeben, Selbstmordabsichten erst recht nicht. Einsame Wahrheit oder eiserne Lüge?