Was ich habe, will ich nicht verlieren, aber / wo ich bin, will ich nicht bleiben, aber / die ich liebe, will ich nicht verlassen, aber / die ich kenne, will ich nicht mehr sehen, aber / wo ich lebe, da will ich nicht sterben, aber / wo ich sterbe, da will ich nicht hin: / Bleiben will ich, wo ich nie gewesen bin.

Thomas Brasch Die Achtundsechziger sind in die Geschichte der Bundesrepublik als eine Generation eingegangen, der es gelang, ihr Lebensgefühl in einzigartiger Weise politisch zu artikulieren. Sie ist damit auch Katalysator eines gesellschaftlichen und vor allem kulturellen Umbruchs geworden. In letzter Zeit wird ihr Verstummen beklagt oder ihr Scheitern proklamiert. Ihre Protagonisten kommen jetzt in Erinnerungsbüchern zu Wort wie in der Biographie von Gretchen Dutschke über ihren Mann oder in dem sehr inspirierenden Buch von Heinz Bude "Das Altern einer Generation".

Denselben Geburtsjahrgängen der DDR (1938 bis 1948 - Abweichungen nach hinten und nach vorn sind möglich) wurde solche Aufmerksamkeit nicht zuteil. Sie sind als Generation nicht identifiziert worden, obwohl die vielen Gruppen, aus denen sich die Bürgerbewegung von 1989 konstituierte, ohne sie nicht denkbar wären. In der DDR hatten Mitglieder dieser Generation, wenn sie sich im Dissens mit den herrschenden Verhältnissen befanden, keine Öffentlichkeit und schon gar keine Organisationen wie etwa den SDS.

Die Protagonisten, die ich als Achtundsechziger der DDR bezeichne, wurden in der Mehrzahl über den Westen, über die Westmedien überhaupt erst bekannt und hatten dann zumeist auch ein Leben zwischen Ost und West. So Wolf Biermann, 1936 geboren, 1976 aus der DDR ausgebürgert Thomas Brasch, 1945 geboren, 1976 aus der DDR genötigt wie Jürgen Fuchs, 1950 geboren oder Rudolf Bahro, 1935 geboren und wegen seines Buches "Die Alternative" zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt, von der er zwei Jahre absaß, bevor auch er 1979 in den Westen expediert wurde.

Ihre Namen wurden bekannt es gibt aber unzählige andere, die als Unbekannte das Land wechselten - oder die in der DDR blieben und zu wirken versuchten.

Von diesen traten dann viele im Herbst 1989 in Erscheinung. Ich denke an Jens Reich (geboren 1939) und Bärbel Bohley (geboren 1945), Gerd Poppe (geboren 1941), Ulrike Poppe (geboren 1950) und viele andere.

Die DDR war eine Gesellschaft, "die sich selbst nicht kannte", wie der Soziologe Klaus Wolfram (auch ein Altachtundsechziger der DDR) dies formuliert hat, weil jeder öffentliche politische und soziale Diskurs fehlte.

Es gibt jetzt viele Versuche, sie im nachhinein kennenzulernen und zu verstehen.

Seit 1989 wird das mangelnde Verständnis zwischen Ost und West im Vereinigungsprozeß beklagt. Mir scheint, als ob gerade die Vertreter der Achtundsechziger beider Seiten sich einerseits sehr gut verstehen und sich einander nah fühlen, andererseits aber bitter voneinander enttäuscht sind.

'68 und '89 sind gemeinsame wichtige Daten, oft biographische Einschnitte, die aber auch das Trennende sehr stark markieren. Heinz Bude schreibt, daß sich die beiden Teile Deutschlands erst seit 1968 richtig auseinanderentwickelt hätten: "Das Fehlen der Kulturrevolte ist dafür verantwortlich, daß die DDR in der deutschen Tradition des tragischen Ernstes verhaftet geblieben ist und den Anschluß an die westliche Kultur der ironischen Leichtigkeit verloren hat." - "Zum Glück", würden einige Acht undsechziger der DDR antworten - oder auch: "Woher weiß er das?"

Die Achtundsechziger der DDR sind, genau wie ihre Schwestern und Brüder im Westen, geprägt von der Musik dieser Zeit und dem Lebensgefühl, das sie transportierte. Auch die antiautoritären Gedanken und Haltungen schwappten in jeder Weise über die Grenze. Ich kann mich gut erinnern, wie ich das Interview von Günter Gaus mit Rudi Dutschke am selben Abend im Fernsehen verfolgte, an dem es ausgestrahlt wurde - und wie ich von Dutschkes Charisma beeindruckt war. Was damals auf mich gewirkt haben muß, können nicht so sehr seine marxistischen Thesen gewesen sein - die kannte ich aus dem Staatsbürgerkundeunterricht zur Genüge. Beeindruckt hat mich wohl eher die Frechheit, dort im Schlabberpullover zu sitzen und das gesamte gesellschaftliche System, dem er angehörte, in Grund und Boden stampfen zu wollen.

Die Achtundsechziger der DDR hatten es viel schwerer, sich dem lustvollen Strom der Rebellion euphorisch zu überlassen. Ihnen stand eine ganz andere, autoritäre Staatsgewalt gegenüber. Die Popmusik wurde offiziell verhöhnt und in Rundfunksendungen und bei Live-Auftritten auf vierzig Prozent der dargebotenen Titel eingeschränkt. Noch in den siebziger Jahren machte die Polizei regelrecht Jagd auf Langhaarige die Haare wurden ihnen zwangsweise kurz geschnitten. Das Zusammenleben in Wohngemeinschaften versuchte der Staat durch die rigide Wohnungs- und Familienpolitik in jeder Weise zu verhindern ebenso wurden die Versuche abgewürgt, Kinder anders zu erziehen, Kinderläden oder ähnliches zu gründen.

Später wurden Frauengruppen beargwöhnt und observiert. In den Resten unserer Stasi-Akten, die die Vernichtung im Dezember 1989 überstanden haben, konnte ich lesen, daß unsere Anfang der achtziger Jahre entstandene Frauengruppe vorhatte, das Patriarchat in der DDR zu stürzen. An solche hehren Ziele dachten wir nicht im Traum die Gruppe sollte uns helfen, mit den Männern und den Kindern in diesem Land etwas besser zurechtzukommen.

Die Achtundsechziger im Osten nahmen genauso wie die im Westen den Vietnamkrieg und die Grausamkeiten in der Welt wahr. Aber natürlich interessierten sie sich politisch am meisten für das eigene Gesellschaftssystem - für die real bestehenden Sozialismen im Osten und deren Veränderung.

Kapitalistische Verhältnisse wollten sie nicht einführen - schon wegen der fundamentalen Kritik der gleichaltrigen Westlinken an diesen Verhältnissen nicht. Denn wir glaubten an diese Linken, naiv und bewundernd, unsere Solidarität gehörte ihnen. (Im Rückblick kommt mir diese Bewunderung besonders merkwürdig vor, interessierte sich doch die Mehrheit dieser Linken fast gar nicht für uns und unser reales Leben in der DDR, von Solidarität ganz zu schweigen.)

Der politische Orientierungspunkt für uns im Osten war vor allem der Versuch, den Sozialismus in der CSSR zu demokratisieren das Trauma der Achtundsechziger der DDR war die Okkupation dieses Landes im August 1968.

Ende Oktober 1968 veröffentlichte das Neue Deutschland die Urteile gegen eine Gruppe von jüngeren Leuten, die auf Flugblättern und mit Parolen an Hauswänden gegen den Einmarsch der Warschauer-Pakt-Staaten in die CSSR protestiert hatten: Rosita Hunzinger (damals 18 Jahre alt): 2 Jahre und 3 Monate Haft Sandra Weigl (20): 2 Jahre Thomas Brasch (23): 2 Jahre und 3 Monate Erika-Dorothea Berthold (18): 1 Jahr, 10 Monate Frank Havemann (19): 1 Jahr, 6 Monate Hans-Jürgen Utzkoreit (18): 1 J ahr, 3 Monate. Der 16jährige Florian Havemann wurde zu einer Jugendstrafe verurteilt. Es waren exemplarische Urteile. Zum Teil schickte die herrschende Kaste ihre eigenen Kinder ins Gefängnis. Der Vater von Thomas Brasch, als jüdischer Emigrant aus London in die DDR zurückgekehrt, war stellvertretender Kulturminister. Der Vater von Erika Berthold war Direktor des Institutes für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED, also des Ideologie-Institutes der DDR. Sie vernagelten ihren eigenen Kindern die Zukunft.

Die Verurteilten mußten ihre Strafen nicht absitzen, sie wurden nach ein paar Tagen oder nach einem viertel Jahr auf Bewährung ausgesetzt. Im Neuen Deutschland stand das nicht erst viel später erfuhr ich, daß diese Leute, mit denen ich so heftig sympathisierte, nicht mehr im Gefängnis saßen. Abitur oder Studium war für alle verbaut, ihr Leben war für immer geprägt, auch wenn sie ganz unterschiedliche Wege gingen. Im Grunde wollten die Herrschenden dem ganzen Land zeigen, daß sie bereit waren, selbst ihre eigenen Kinder für die Staatsraison zu opfern.

"Vor den Vätern sterben die Söhne" heißt ein Roman von Thomas Brasch, der 1977 bei Rotbuch in der Bundesrepublik und erst 1990 in der DDR erschien.

Darin wird ein junger Mann, der die DDR nicht mehr erträgt und sie verlassen will, an der Mauer erschossen. Die DDR forderte von ihren Bürgern eine Loyalität, deren Aufkündigung im Extrem mit dem Tod bestraft werden konnte.

Die Achtundsechziger sind nicht getötet worden oder gestorben, sie wurden totgeschwiegen und in den Westen getrieben oder aus der Haft abgeschoben - und dann waren sie "wie tot", weil sie wenig Informationen und Einflußmöglichkeiten hatten. Sie kamen teilweise über die Westmedien zurück, waren aber für uns jenseits des Flusses. Biermann hat es besungen, als Florian Havemann, einer der Mitverurteilten von 68, Anfang der siebziger Jahre in den Westen ging: Er ist hinüber - enfant perdu / Ach, kluge Kinder sterben früh / Von Ost nach West - ein deutscher Fall / Laß, Robert, laß sein / Nee, schenk mir Kein' ein! / Abgang ist überall Daß jemand wie tot behandelt wurde, nachdem man ihn vertrieben oder er schließlich das Land verlassen hatte, gleicht einer einseitigen Kündigung des Generationenvertrages - und zwar einer v on den Eltern ausgesprochenen Kündigung. Die Töchter und Söhne wurden des Hauses verwiesen, die Eltern wollten nicht mehr Eltern sein und erklärten ihre Kinder für gestorben.

Im Westen haben wohl eher die Söhne und Töchter den Vertrag kündigen, ein ganz anderes Leben führen wollen als ihre Eltern. Sie wurden zwar massenhaft mit der Aufforderung konfrontiert: Geht doch rüber! - aber niemand hat ernsthaft daran gedacht, sie in der DDR auszusetzen. Der Unterschied im Verhältnis der Generationen zueinander ist bemerkenswert: Die Achtundsechziger in Ost und West sind die erste Generation, die im nachfaschistischen Deutschland erwachsen wurden.

Noch im Krieg oder kurz danach geboren, traf sie die ganze Wucht der nicht geklärten, in den Fami lien oft nicht benannten Mitbeteiligung oder Schuld ihrer Eltern - oder auch deren Tod im Krieg. Es gab auch das Überleben in der Emigration und im Widerstand. Die Töchter und Söhne haben sich bewußt oder unbewußt damit auseinandergesetzt, sie haben auch die Desorientierung und Neukonsolidierung dieser Elterngeneration nach dem Krieg erlebt.

Die in der DDR in die Macht eingesetzte Generation war zum Teil erwiesenermaßen antifaschistisch oder reklamierte dies zumindest für sich.

Die Auseinandersetzung mit ihr oder der Angriff auf sie war daher von vornherein gebrochen und durch tiefe Loyalität und Achtung beschwichtigt, zudem noch meist von dem Bewußtsein getragen, dieselbe Sache zu wollen - den Sozialismus. Jene Jugendlichen, die im August 68 Flugblätter verteilten, protestierten gegen die Okkupation der CSSR mit dem Argument, es sei des Sozialismus nicht würdig, seine Konflikte mit kriegerischen Mitteln auszutragen. Lange teilten die linken Kritiker der DDR die Illusion ihrer Herrscher, eigentlich auf der richtigen Seite zu stehen, die bessere Gesellschaftsordnung zu haben, in der nur einige Überbau-Merkmale verbessert werden müßten.

Die Basis - das gesellschaftliche Eigentum an Produktionsmitteln - galt als wichtige Voraussetzung für eine menschlichere Gesellschaft, die schon geschaffen sei. Mehr Demokratie, mehr Freiheit und Menschenrechte - dann wäre der wahre Sozialismus verwirklicht.

Die Achtundsechziger im Westen sahen dagegen die Gefahr eines neuen Faschismus in der Bundesrepublik aufziehen. In der Biographie von Mario Krebs über Ulrike Meinhof lese ich: "Wir haben oft über ihre Eltern gesprochen: Was hätten sie damals (unter Hitler) tun können? Das war die Frage, die sie selbst unmittelbar betraf. Das habe ihr keine Ruhe gelassen, weil sie tief davon überzeugt gewesen sei, daß ihre Generation auf eine ähnliche Weise herausgefordert sei wie die ihrer Eltern. Ausgangspunkt aller Überlegungen war die Frage, was sagen wir unseren Kindern, wenn die uns fragen, was habt ihr getan?"

Die Achtundsechziger in Ost und West eint diese unbewußte Überidentifikation mit den Eltern: Im Gegensatz zu ihrem Wegsehen, Mittun und Verdrängen oder aber in Fortsetzung ihres heldenhaften Widerstands fühlt sich die nächste Generation verantwortlich für das Schicksal der Menschheit, für Ungerechtigkeit und Vernichtung in der Welt. Auf beiden Seiten sind Eltern und Staatsmacht bereit, diese Kinder auszustoßen und zu opfern, sie nicht mehr als ihre Kinder anzuerkennen. Auf der Ostseite allerdings schon bei geringster Kritik am Status quo - auf der Westseite erst als Reaktion auf Massendemonstrationen, Aufruf zu Umsturz und Terrorismus. Die Staatsmacht im Osten war ungleich autoritärer und rigider.

Könnte es sein, daß diese Kinder unbewußt ausgestoßen werden wollten? Das Schicksal der Ausgestoßenen des "Dritten Reiches" wiederholen? Sich damit von den Täter-Eltern für immer distanzieren oder den Opfer-Eltern für immer nah sein? Jedenfalls phantasieren sich die Protagonisten auf beiden Seiten in die Opferrolle hinein, verhalten sich so, daß sie zu Opfern werden können.

Aber eine Generation wird nicht nur durch ihre Protagonisten bestimmt. Die meisten Angehörigen dieser Generation haben in Ost wie West versucht, in der jeweils gegebenen Gesellschaft zu leben. Die Westler traten entweder den langen Marsch durch die Institutionen an oder begaben sich auf den Weg der Selbstveränderung, den Weg nach innen - manche fanden auch eine Kombination von beidem. Politische und ökonomische Machtträger sind nur die wenigsten von ihnen geworden - psychologische und meinungsbildende Macht hingegen gewannen sie durchaus.

Teilweise wichen die Autoritäten vor dieser Revolte zurück, wie es zum Beispiel Götz Eisenberg beschreibt: "Meinen Abituraufsatz in Deutsch schrieb ich mit zusammengeklauten Argumenten über und gegen das dreigliedrige Schulsystem, das die Spaltung der Gesellschaft in Klassen und Schichten zementiere. Zum Abitur bekamen die Schüler vom Direktor ein Buch eigener Wahl überreicht. Ich ließ mir ,Kinderkreuzzug oder beginnt die Revolution in den Schulen?' von Günter Amendt schenken. ,Götz Eisenberg - zum Andenken an seine Schule' steht da samt einer Unterschrift des Direktors als Widmung drin." Im Osten wäre dies undenkbar gewesen. Dort konnten diese Euphorie des Besiegens von Autoritäten und die begleitenden Allmachtsphantasien nicht aufsteigen.

Auch im Osten entschieden sich einige für den Gang durch die Institutionen, traten in die SED ein und versuchten, in der Partei und im Staatsapparat zu wirken. Erika Berthold, zum Beispiel, durfte das Abitur nicht ablegen. Sie machte eine Lehre als Bibliothekarin und lebte zusammen mit ihrem Freund Frank Havemann in einer der beiden Wohngemeinschaften, die es in Ost-Berlin gab.

Ihre Mitglieder versuchten sich auf verschiedene Weise mit der DDR auseinanderzusetzen und spalteten sich. Der eine Teil ging mit Ausreiseantrag in den Westen - die Gruppe um Erika Berthold entschloß sich, in der DDR zu bleiben und ihre Institutionen zu nutzen. Erika Berthold trat in die SED ein, arbeitete später in einem Großbetrieb und war dort in der FDJ-Leitung aktiv.

Im Herbst 1989 setzte sie sich für eine veränderte DDR ein, jetzt steht sie der PDS nahe, ohne Mitglied zu sein. So gehen die Gänge der Quer und der Länge - so merkwürdig können ostdeutsche Biographien sein.

Andere orientierten sich an Václav Havels Buch "Versuch, in der Wahrheit zu leben" - von der Macht der Ohnmächtigen. Havels Forderung nach moralischer Integrität unter den Bedingungen einer Diktatur konnten sie eher verinnerlichen: der herrschenden Ideologie die Mitwirkung kündigen, keine Machtpositionen einnehmen, Karriere und Mitmachen verweigern. Nicht die Fahne heraushängen, nicht zur Wahl gehen, nicht in der Gewerkschaftsversammlung den geforderten Diskussionsbeitrag abliefern. Hier finden sich auch die Aussteiger, die Friedhofsarbeiter, Bademeister und Heizer mit Abitur und Hochschulabschluß, die Szenemitglieder vom Prenzlauer Berg, in Dresden, Leipzig oder Erfurt.

So groß war die Aussteigerbewegung, daß sich die Führenden der DDR bemüßigt fühlten, 1979 den Paragraphen 249 ("Gefährdung der öffentlichen Ordnung durch asoziales Verhalten") zu erweitern. Asozial war nun, keiner geregelten Arbeit nachzugehen 1980 wurden 10 714 Menschen nach diesem Paragraphen verurteilt.

Die Achtundsechziger der DDR haben keine kulturrevolutionären Veränderungen wie im Westen in Gang gesetzt. Ihre Ideale sind im Prager Frühling erblüht und kurz darauf grausam erstickt, aber nicht aufgegeben worden. Diese Ideale lebten weiter in den entstehenden Zirkeln und Initiativen, später auch unter dem Dach der Kirche, sie prägten das Lebensgefühl eines Teils dieser Generation: mit ihrer Art des Engagements nicht mehr gebraucht und gewollt zu werden, nach Unterdrückung und Abstrafung nicht mehr heimisch sein zu können.

Die Nichtheimischen der DDR trafen sich in ihren Kreisen, hüteten die alten Ideale und versuchten, miteinander ein heimeliges Gefühl zu entwickeln. Sie konnten ihre Ideale aber nicht an der Realität abarbeiten oder verändern, und so wurden diese auf eigenartige Weise konserviert. Die Stunde der Wirklichkeit schlug erst 1989. Da gab es dann ehrenwerte Gesellschaftsveränderer mit über zwanzig Jahre lang gehüteten Vorstellungen, die von vielen immer nur als Veränderung des Sozialismus im Sozialismus gedacht worden waren. Daß "das Volk" inzwischen anders dachte und dann auch anders wählte, war für viele von ihnen schwer zu ertragen.

Die Achtundsechziger im Westen wollten eine Revolution. Sie bekamen einen modernisierten Kapitalismus. Die Achtundsechziger im Osten wollten Reformen und setzten letztendlich eine Revolution in Gang. (Ob der Wechsel der gesellschaftlichen Produktionsverhältnisse wirklich revolutionär war, wird die Geschichte entscheiden.) Dafür werden sie von ihren westlichen GenerationsgenossInnen teilweise überhaupt erstmalig wahrgenommen - und dann einerseits beneidet ("Neid auf Schicksal" nannte das ein Freund von uns), andererseits auch verachtet, weil sie es nicht richtig gemacht haben. Aber man beginnt sich endlich auch kennenzulernen.

Eigentlich sollte eine Generation auch daran gemessen werden, inwieweit sie der nächsten Generation Zukunft eröffnet oder verschließt. Hier sehe ich auf beiden Seiten eine gewisse Ratlosigkeit und Irritation. Gerade jene, die sich über Kindererziehung so viele Gedanken gemacht und neue Wege ausprobiert haben, überfrachteten die Kinder teilweise mit ihrem antiautoritären Anspruch und moralischen Rigorismus. Sie forderten von ihnen das gleiche politische Engagement ein.

Jetzt treten ihnen Jugendliche entgegen, die, jeder revolutionären Theorie abhold, die Nächte durchtanzen oder gar Buttons mit der Aufschrift tragen: "Ich bin stolz, ein Deutscher zu sein", wo doch die Distanz zu Deutschland und zur Nation auf beiden Seiten der Mauer ein Grundkonsens der Achtundsechziger war. Angesichts dieser Frechheiten und Absetzbewegungen verlieren wir Altacht undsechziger jegliche Ruhe und Gelassenheit.

Eine merkwürdige Aggression gegenüber den Nachgeborenen schwingt in unserem apokalyptischen Lamento mit. Auf der einen Seite heißt es: Weil bei unseren Versuchen nicht das herauskam, was wir wollten, wird alles den Bach heruntergehen. Auf der anderen Seite: Wir haben kein Vertrauen in euch, daß ihr die Welt erhalten oder verändern könnt, die wir euch vererben euch wird es viel schlechter gehen als uns.

Mein Nachdenken begann mit einem Gedicht, mit einem Gedicht möchte ich schließen. Es ist von Jan Faktor, der 1951 in Prag geboren wurde, 1968 dort die Okkupation erlebte und 1978 in die DDR übersiedelte, um in Berlin und mit mir zu leben. Es ist dem Zyklus "Gedichte eines alten Mannes aus Prag" entnommen: jede neue generation bringt in die Welt das Gefühl der Normalität zurück / ich glaube denen / die gerade angefangen haben zu sprechen Annette Simon, Jahrgang 1952, arbeitet als Psychoanalytikerin in Berlin.