Hat Martin Bormann, der zuletzt mächtigste Mann hinter Adolf Hitler, Chef der Parteikanzlei und persönlicher Sekretär, wirklich am 2. Mai 1945, also drei Tage nach dem Tod des Diktators, bei der Flucht aus der Reichskanzlei im zertrümmerten Berlin Selbstmord verübt? Seit einem Skelettfund Ende 1972, der genau überprüft wurde, gilt dies als sicher. Dennoch hat jetzt der hessische Generalstaatsanwalt angeordnet, den Schädel Bormanns, der bislang in der Asservatenkammer des Landeskriminalamtes Wiesbaden aufbewahrt wurde, durch eine Genanalyse auf seine Echtheit zu untersuchen.

Es gab nämlich immer wieder Zweifel, genährt von mysteriösen Berichten, die seit den fünfziger Jahren von einer Flucht Bormanns - "mit vatikanischer Hilfe" - nach Südamerika wissen wollten. Der stern-Reporter Gerd Heidemann besaß sogar Photos, die den angeblich in Paraguay untergetauchten alten Bormann zeigen sollten. Ende 1994 schließlich behauptete ein Exagent des sowjetischen KGB namens Tartarowskij in einer Moskauer Zeitung, Bormann sei sein Mitarbeiter gewesen, nach Rußland entkommen und hier gestorben.

Ebendies bezeugte auch Reinhard Gehlen, der erste Chef des Bundesnachrichtendienstes (BND) Anfang der siebziger Jahre in seinen Memoiren und dann sogar vor Gericht, gestützt auf nicht genannte "zwei zuverlässige Quellen". Daß es in Moskau etwas zu verbergen gibt, blieb sogar nach dem Ende der Sowjetunion spürbar. Der Historiker Kirill Tschernjenkow vom Russischen Staatsarchiv antwortete noch am 18. Februar 1997 auf meine Frage sibyllinisch: "Ich zweifle sehr, daß Dokumente über Bormann, wenn es sie gibt, zugänglich sind..."

Andere, zunächst verschwundene politische und private Papiere des Sekretärs von Adolf Hitler waren jedoch schon fast ein halbes Jahrhundert vorher in die Hand des zwielichtigen Schweizer Finanzfachmanns François Genoud geraten.

Jahrzehntelang war Genoud als "schwarzer Bankier" des internationalen Terrorismus, auch des linksradikalen, verschrien, ohne jemals verurteilt zu werden. Außerdem war er bekannt geworden als offener Hitler-Verehrer und Nachlaßverwalter brauner Prominenter, nicht nur von Bormann, sondern auch von Goebbels.

Seit er, der siebzehnjährige Sohn eines Tapetenhändlers, 1932 in einem Godesberger Hotel zufällig Hitler begegnet war, ja, dem kommenden Diktator hatte die Hand reichen dürfen, war er dessen "österreichischem Charme" und dessen Wahn von "deutscher Ordnung für Europa" verfallen und zog daraus Antriebskraft für ein langes, abenteuerliches Leben. Fast unverblümt pflegte er zu sagen,als guter Schweizer und "alter Nationalsozialist" habe er nichts mit "lächerlichen Neonazis" zu tun.

Als der 81jährige Genoud, seit langem schon Mitglied der Schweizerischen Exit-Sterbehilfe, mit einem wohlschmeckend-giftigen Cocktail im vergangenen Jahr seinem Leben ein Ende setzte, war eines der Geheimnisse, die er mit ins Grab nahm, seine Beziehung zur Familie Bormann. Selbst seine Biographen (Karl Laske: "Ein Leben zwischen Hitler und Carlos", Limmat Verlag, Zürich Pierre Péan: "L'Extrémiste", Edition Fayard, Paris beide 1996) konnten dazu nur wenig enthüllen. Genoud hatte sogar verstanden, sich die Publikationsrechte für die Bormann-Papiere zu sichern - durch einen katholischen Priester, der in Ost-Berlin lebte, wo auch Bormanns Freundin, eine Schauspielerin, jahrzehntelang weiter Theater spielte, ohne jemals verhört oder gar belästigt zu werden.

Wie aber kam es zu derlei Rücksicht oder Vorsicht? Etwa als späte Folge eines tatsächlichen oder zynischen Sinneswandels des sowohl antikommunistischen wie antikirchlichen Fanatikers Bormann? Immerhin hatte Reichspropagandaminister Joseph Goebbels noch kurz vor dem Ende, am 28. März 1945, seinem Tagebuch anvertraut: "Bormann hat in der Frage der Radikalisierung unseres Krieges nicht das gehalten, was ich mir eigentlich von ihm versprochen hätte."

Mehr Licht in das historische Halbdunkel bringen neuere Nachforschungen und Aussagen von Zeitzeugen im Umfeld von François Genoud. Als wendiger Doppelagent, der an seinem Lebensende sogar den Moskauer Reformer Michail Gorbatschow als "Verräter" bezeichnete, hatte er sich ein vielmaschiges Beziehungsnetz geflochten. Es hatte auch den Zweiten Weltkrieg überlebt, vor allem dank eines ebenso tüchtigen wie wichtigen Genoud-Freundes namens Paul Dickopf (1910 bis 1973). Der war SS-Untersturmführer (Leutnant) und Polizeibeamter und saß, obwohl SD-Mitglied, im Stuttgarter Büro des von Admiral Canaris gebildeten deutschen Geheimdienstes. Im Juli 1943 tauchte er plötzlich - mit vollen Taschen - in der Schweiz auf. Seither galt er als Deserteur, was ihm den Ruf eines Widerständlers einbrachte. So sicherte er sich eine schöne Nachkriegskarriere, die 1965 mit seiner Ernennung zum Präsidenten des Bundeskriminalamtes und drei Jahre später zum Chef von Interpol den Gipfel erreichte.

In der Wirklichkeit aber hat sich Dickopf nach seiner "Flucht" zu Genoud in die Schweiz nicht nur seinem Gastland und dem amerikanischen Geheimdienst-Residenten Allen Dulles in Bern angedient, sondern er lieferte vor allem Informationen nach München für Martin Bormanns Parteikanzlei. Hier saß seit sieben Jahren schon Dickopfs schwäbischer Kollege aus Stuttgarter Zeiten, der Ministerialrat Ludwig Wemmer (1909 bis 1991), zuständig für den "weltanschaulichen Kampf" gegen die christlichen Kirchen.

"Ich traute meinen Ohren nicht", erinnerte sich Wemmer 1988 in einem Gespräch, "als mir Bormann eröffnete, daß er mich über das Auswärtige Amt als Botschafter zum Vatikan schicken wolle." Das klappte zwar nicht, denn der altgediente Ernst von Weizsäcker erhielt den Posten, aber als zweiter Mann im Rang eines Gesandten wurde ihm - zu seinem Entsetzen - der 34jährige Wemmer, Bormanns Kirchenreferent, aufgedrängt. So kam im Juli 1943, fast am selben Tag, an dem der Bormann-Agent Dickopf zu Genoud in die Schweiz geschleust wurde, sein Kollege Wemmer nach Rom. Als Aufpasser und Scharfmacher? Nichts dergleichen war zu bemerken nach einer Audienz bei Pius XII. notierte Weizsäcker erstaunt, der Papst habe sogar "Herrn Wemmer in zwei Minuten bezaubert".

Dazu bedurfte es freilich keiner besonderen Anstrengung. Denn so wie Wemmer 1941 für Bormanns Vorgänger, Rudolf Heß, den "Stellvertreter des Führers", zur Luftwaffe gegangen war, um Flug- und Fluchtmöglichkeiten nach England zu erkunden ("... denn Heß wollte dadurch Hitlers Angriff auf die Sowjetunion verhindern", meinte Wemmer), so versuchte er 1943/44 in Rom seine und seines Chefs antiklerikale Sünden vergessen zu machen. Und dies gelang offenkundig so gut, daß Wemmer im Sommer 1944 nach der Besetzung Roms durch die westlichen Sieger zwar festgenommen wurde, aber in Begleitung eines freundlichen Prälaten nach Sizilien reisen und von dort sofort nach Kriegsende unbehelligt in einem amerikanischen Flugzeug über Lyon-Paris-Augsburg in seine schwäbische Heimat zurückkehren konnte. Schon Mitte 1945 tauchte er wieder in Rom auf, nur um - wie er sagte - sein Konto bei der Vatikan-Bank zu leeren.

Nicht so einfach hatte es Bormanns "Privatsekretär" Helmut von Hummel, als er bei Kriegsende - im Vertrauen auch auf gute Fernverbindung mit Genoud - nicht nur riesige Kisten voll von privaten und politischen Papieren, Goldmünzen und Gemälden, sondern auch Bormanns 35jährige Frau Gerda mit acht ihrer neun Kinder in Sicherheit bringen sollte. Vom Obersalzberg, wo Bormann wie Hitler sein prächtiges Berghaus hatte, war die Bus- und Lastwagenkarawane Ende April 1945 in Richtung Süden aufgebrochen.

Der Tiroler NS-Gauleiter Franz Hofer, der in fanatischen Tönen eine fiktive "Alpenfestung" als letzte Bastion erfand, in der Wirklichkeit aber schon mit amerikanischen Agenten in der Schweiz kungelte, nahm die Familie Bormann kurz in Innsbruck auf und bot ihr dann - als Familie "Bergmann" - Unterschlupf in Südtirol, zuerst in Bozen, dann in einem Bauernhaus bei Wolkenstein im Grödnertal (Selva/Val Gardena).

Unterwegs hatte der emsige Herr von Hummel (der selber später in einem Kloster bei Salzburg untertauchte) den Familientransport vom Ballast einiger großer Kisten "befreien" lassen. Dazu hatte nicht nur Gauleiter Hofer augenzwinkernd geraten, es ergab sich auch dadurch, daß ein alter Kontaktmann Hummels im richtigen Augenblick erschien: François Genoud. Er saß in einem eleganten Wagen mit französischem Kennzeichen, von dem niemand genau wissen konnte, ob es schon vom befreiten Frankreich de Gaulles oder noch vom kollaborierenden Vichy-Regime stammte, das in Sigmaringen Zuflucht gefunden hatte. Und ebensowenig war in der Wirrnis der letzten Kriegstage, zumal in diesem vom Faschismus befreiten, nun wieder italienisch regierten Südtirol, stets genau festzustellen, wer in wessen Auftrag tätig wurde. Auch Amtspersonen waren nicht immer von Wegelagerern zu unterscheiden.

So konnte Genoud an seinem Lebensende vor seinen Biographen behaupten, er habe die Privatkorrespondenz Martin Bormanns dem Italiener Edilio Rusconi abgehandelt, der sie 1945 in Bozen "gefunden" habe. Jener 29jährige, später als Mailänder Verleger bekannt gewordene Rusconi war damals im Amt für Rückführung von Kunstschätzen tätig, das ein Minister namens Rodolfo Siviero leitete. Und dieser galt als eine der schillerndsten Figuren im Nachkriegsitalien. Aus seinem Privatbesitz (!) wurden 1984, ein Jahr nach seinem Tod, im Palazzo Vecchio in Florenz zwanzig Aquarelle des jungen Adolf Hitler ausgestellt, die Siviero "von der Gattin Martin Bormanns bekommen" habe - so schrieb damals ein florentinischer Kulturassessor. Mit ebendiesem Siviero habe er auch über die nach Südtirol transportierten Archivalien Bormanns "verhandelt", gab Genoud zu.

"Dieser Kerl hat die Kisten geklaut." So drastisch formulierte mir seine Überzeugung noch Jahrzehnte später ein Mann, der als katholischer Seelsorger zum Betreuer der Familie des Kirchenfeindes Bormann geworden war: Theodor Schmitz. Der 29jährige Rheinländer, der in Rom Theologie studiert hatte, war als Sanitätssoldat nach der Kapitulation der deutschen Heeresgruppe in Italien Ende April 1945 in einem amerikanisch, dann britisch kontrollierten Kriegslazarett im Südtiroler Meran gelandet. Erst im Herbst erfuhr er, daß in einem Krankenzimmer, an dessen Tür "Eintritt verboten" stand, die krebskranke Gerda Bormann lag. Schmitz glückte es, sich Zugang zu verschaffen, auch menschlichen und pastoralen, obschon die Dame nie katholisch gewesen und aus der evangelischen Kirche längst ausgetreten war.

"Sie sah fast mädchenhaft aus mit ihren lang herabhängenden Zöpfen, eine gute, äußerst sympathische Frau, die kein böses Wort über ihren Mann sagte", so erinnert sich Schmitz, der nun von ihr erfuhr, daß ihre acht Kinder bei Südtiroler Bauernfamilien untergebracht waren. Bald betreute Schmitz alle, fuhr stolz in seinem - von den Amerikanern gestifteten - Mercedes zu abgelegenen Höfen, verteilte Pflegegeld vom Fürstbischof in Brixen und "schmuggelte" zuweilen auch ein Kind ins Lazarett zur "Mamma". Kurz vor ihrem Tod im März 1946 schrieb sie sich ein Gedicht auf, das einst Nietzsche "dem unbekannten Gott" gewidmet hatte, und bestimmte den Gottesdiener Schmitz zum, dann auch gerichtlich bestätigten, Vormund aller ihrer Kinder.

"Ich dachte, mich haut's vom Sessel", so erinnert sich Schmitz später an den Augenblick, als ihm dies mitgeteilt wurde. "Ich war ja an die Bormann-Kinder gekommen wie die Jungfrau zum Kind." Nur zu bald merkte er, was ihm damit beschert worden war: Der priesterliche Nachlaßbevollmächtigte stand vor dem Problem, Enthüllungen aus den verschwundenen Geheimpapieren des Sekretärs von Hitler abzusegnen. Denn 1948 - Schmitz war gerade Domvikar in Berlin geworden - meldete sich plötzlich während seines Urlaubs in Südtirol ein Herr Genoud bei ihm und wollte über Publikationsrechte aus dem Bormann-Archiv verhandeln.

Er habe sich, so behauptete der Schweizer, "aus italienischer Quelle" alle verschwundenen Papiere beschafft, von Hitlers Tischgesprächen bis zum privaten Briefwechsel 1943 bis 1945 zwischen Gerda und Martin Bormann.

Historiker wunderten sich später, daß diese Korrespondenz 1954 nur auf englisch und nicht im deutschen Original gedruckt wurde. Warum? Schmitz erlaubte es nicht aus moralischen Gründen: Er wollte die Bormann-Kinder schonen sie würden, sagte er, noch früh genug als Erwachsene "diese gräßlichen Briefe" lesen. Da wurde nämlich allen Ernstes, ja verziert mit Warnungen vor "christlichem Gift" die legalisierte Ehe zu dritt als ein Mittel angepriesen, um künftig die Geburtenrate trotz kriegsbedingten Männerschwunds zu erhöhen:

"Bei M. kannst du ja helfen. Du mußt nun aber schauen, daß ein Jahr M. ein Kind hat und das andere Jahr ich, damit du immer eine bewegliche Frau hast", schrieb Anfang 1944 Gerda an Martin Bormann. Gemeint war dessen Freundin, die Schauspielerin Manja Behrens. Als kokette "Susanne im Bade" hatte die 22jährige Tochter einer Pragerin und eines Dresdner Rechtsanwalts 1936 eine Ufa-Filmkarriere begonnen. Bald gehörte sie zu dem Damenflor, mit dem sich die braunen Bonzen auf dem Obersalzberg umgaben. Und noch ein halbes Jahrhundert danach erinnerte sie sich im Gespräch mit mir, wie ihr dieser Hitler, "der doch ein böser Mensch war, so liebenswürdig die Hand küßte".

Bormann trug keine Uniform, sondern einen eleganten Frack, als Manja Behrens ihm zum erstenmal begegnete. Nein, Politik interessierte sie nie. Als sie sich mit der Frau Bormanns anfreundete und zugleich auch mit Martin, fühlte sie sich jedoch auch von einem ganz anderen Bedürfnis getrieben - einem religiösen. Denn seit sie am Krankenbett ihrer katholischen Mutter ein "Heilungswunder" zu erleben glaubte, erhoffte sie sich noch andere. Ein Freund der Familie, der Dresdner Jesuitenpater Sladiczek, riet ihr zwar, evangelisch zu bleiben, aber das Bild des "Prager Jesuskindes" trug Mariechen - tschechisch: Máña - ihr Leben lang um den Hals. Und geradezu beglückt vernahm sie später, daß Bormann 1944/45 seine "Radikalität" gemildert habe und durch seinen Abgesandten Wemmer sogar um gutes Wetter im Vatikan bemüht gewesen sei. "Ich habe ja mit Martin so lange Gespräche über Gott geführt", erinnerte sie sich.

Natürlich hatte Manja Behrens keine Ahnung, daß einer ihrer Verwandten, der geheimdienstlich tätig war und von Bormann anscheinend verachtet wurde, wahrscheinlich zum sowjetischen Agentennetz der "Roten Kapelle" gehörte. Sie selber jedenfalls wollte und konnte dann trotz ihrer Obersalzberger Vergangenheit nach 1945 in der sowjetischen Zone und danach in der DDR bleiben. Jahrzehntelang spielte sie große Frauenrollen an der Volksbühne und im Maxim-Gorki-Theater in Ost-Berlin. Bald heiratete sie den Bühnenbildner Karl von Appen (1900 bis 1981), der als alter Kommunist sechs Jahre in Konzentrationslagern überlebt hatte. "Karlchen, betest du denn nie!?" pflegte sie ihn zu ermahnen.

In der "Hauptstadt der DDR" machte nicht nur Manja Behrens, sondern auch der gerichtlich bestellte "Abwesenheitspfleger" und Vormund der Bormann-Kinder, Theodor Schmitz, Karriere: Eine Woche nach dem Bau der Mauer wurde er 1961 bischöflicher Ordinariatsrat in Ost-Berlin und war später neun Jahre lang, bis zum Tod des Berliner Kardinals Alfred Bengsch 1979, dessen Generalvikar für den Osten. Seine drei Jahrzehnte vorher angeknüpften Kontakte mit François Genoud schliefen schon deshalb nicht ein, weil der Schweizer, da er für die Urheberrechte an den Bormann-Briefen Honorar bezog, zum Unterhalt der Waisenkinder beizutragen hatte. Einmal - etwa 1949 - kam er sogar zur Taufe eines der Geschwister nach Lübeck und brachte (aus Bormanns "Kisten"?)

Familienphotos, Schmuckstücke und "ein paar hundert Mark mit - damals eine schöne Summe".

"Was ich gebarmt habe um etwas Geld für die Kinder!" erinnert sich Schmitz.

Er verabredete sich deshalb mit Genoud auch 1953, als er auf einer Rom-Reise mit dem Berliner Bischof Weskamm am Gardasee Zwischenstation machte. Und "geradezu als Wunder" empfand Schmitz die Geste einer "weißhaarigen jüdischen Dame", die ihm nach ihrem gewonnenen Entschädigungsprozeß um das gestohlene Grundstück der Villa Bormanns im Berliner Grunewald tausend Mark für seine Pfleglinge übergab.

Nur um den 1930 geborenen ältesten Sohn des Reichsleiters Bormann brauchte sich Schmitz kaum zu kümmern. Dieser Martin junior (den Zunamen Adolf gab er auf) wurde katholischer Priester, ließ sich nach dramatischen Jahren als Missionar in Afrika und einem schweren Unfall laisieren, heiratete 1971 seine Krankenschwester und arbeitete bis zu seiner Pensionierung als Religionslehrer. Ein "Leben gegen Schatten" - so der Titel seiner nachdenklichen Memoiren (Bonifatius Verlag, Paderborn 1996). "Du kannst Dir ja denken, daß ich glücklich wäre, Dich einmal als Bruder im Priesteramt im Dienst des Altares zu sehen", hatte 1948 Theodor Schmitz an den achtzehnjährigen Martin geschrieben. "Aber da gilt es gewiß noch viel zu prüfen und reiflich zu überlegen."

Schmitz selber blieb sicher, dies stets getan zu haben. Energisch und temperamentvoll konnte sich der Berliner Prälat dank seiner kirchlichen Würden und Funktionen immer wieder zwischen Ost und West bewegen. Obwohl sein Name in der "Westpresse" im Zusammenhang mit dem Nachlaß Bormanns oft erwähnt worden sei, habe die katholische Kirchenleitung "alles unternommen, um zu verschweigen", daß Schmitz in der DDR wohne - wunderte sich die Staatssicherheits-Abteilung XX/4. Warum aber hatten die Stasi-Schnüffler selber diese Tatsache sehr lange ignorieren können - dürfen oder müssen? 1968 erst brachen sie in die Wohnung Schmitz' ein, durchwühlten den Schreibtisch und beschafften sich Papiere, die ihnen geeignet schienen, um den Priester zu erpressen.

Plötzlich "entdecken" die Genossen durch Theodor Schmitz, der nur bei "Nachforschungen in politischen Fragen" auskunftsbereit ist, welche Rolle Genoud seit 1945 in Sachen Bormann gespielt hat. Dabei nennt "IM Theo" fast nur solche Fakten, die längst in Zeitungen oder Büchern, etwa des (der Stasi offenbar unbekannten) britischen Historikers Trevor-Roper (Herausgeber der "Bormann Letters"), nachzulesen waren. Viermal kommt es zwischen Herbst 1968 und Sommer 1969 zu solchen "Treff"-Gesprächen. Dabei verspricht Schmitz, der wieder einmal mit seinem Kardinal ins geliebte Rom reisen möchte, sich bei dieser Gelegenheit mit Genoud telephonisch zu verabreden, was er mißlingen läßt.

Dann aber erlischt offenkundig das Stasi-Interesse an Genoud so schnell, wie es aufgeflammt war. Warum? Dauert es nur so lange, wie Genoud 1968/69 mit seinen Polit- und Finanzfreunden in der von Moskau geförderten ultralinken wie ultrarechten arabischen Szenerie, besonders in Algerien, in einen (kurzen) Konflikt gerät? Oder hatte man in Moskau Grund, beim Thema "Bormann" überhaupt abzuwinken?

Für Bormanns Freundin Manja Behrens gab es solche Rätselfragen nicht. Sie spielte nach wie vor der Wende weiter im östlichen Berlin. Und im November 1990 überglücklich zum erstenmal im Wiener Burgtheater. Da durfte sie in Peter Turrinis Skandalstück "Tod und Teufel" buchstäblich in "ihrer" Rolle als uralter Filmstar auftreten, von den "strahlenden Helden" des "Dritten Reiches" träumen und am Ende singen: "Die schöne Welt der Männer ist versunken."