Über die Bedeutung der Deutschen Vaterlandspartei von 1917/18, jene aufsehenerregende, aber kurzlebige Massenbewegung der nationalen Rechten am Ende des Kaiserreichs, herrscht seit langem kein Zweifel.

Dennoch blieb es bei dem nicht leicht zu erklärenden Tatbestand, daß darüber nicht eine einzige, auf dem heute verfügbaren Quellenbestand beruhende, kritisch interpretierende Monographie existierte, wie sie zahlreiche weniger wichtige Parteien inzwischen längst gefunden haben.

Diese irritierende Lücke ist nun von Heinz Hagenlücke, einem Schüler Wolfgang J. Mommsens, beherzt geschlossen worden. Er hat nicht nur die gesamte einschlägige Literatur und Publizistik herangezogen, sondern auch ein weitverstreutes ungedrucktes Material aus Nachlässen und Akten in einer Vielzahl von Archiven erschlossen, so daß außer einer zuverlässigen Grundlage auch eine dichte Textur der Darstellung entstanden ist. Sie vereinigt Parteien- und Parlamentsgeschichte, Verbands- und Ideengeschichte, Politik- und Sozialgeschichte.

Sie folgt klaren analytischen Gesichtspunkten und verbindet die systematische mit der chronologischen Analyse. Sie überprüft gängige Deutungen ihres Gegenstands und setzt ihnen eine eigene Interpretation entgegen. Dank der sorgfältigen Klärung vieler Aspekte wird endlich ein Niveau erreicht, von dem aus man aufs neue diskutieren kann.

Eingangs schildert Hagenlücke das Machtkartell der nationalistischen Agitationsorganisationen und großen wirtschaftlichen Interessenverbände am Vorabend des Ersten Weltkriegs, ehe er ihre Rolle in der Kriegszielbewegung verfolgt, den diversen Plänen für eine namentlich von den Alldeutschen befürwortete neue Rechtspartei nachgeht und die Schlüsselfigur dieser Organisierungsbemühungen, Wolfgang Kapp, portraitiert.

Kapp (Jahrgang 1858), den meisten nur noch durch den unrühmlich gescheiterten Kapp-Putsch vom März 1920 bekannt, wuchs als Sohn des profilierten liberalen Parteipolitikers Friedrich Kapp auf, vollzog aber frühzeitig, zum Entsetzen seines Vaters, als Korpsstudent eine dezidierte politische Rechtswendung, wie das viele aus der politischen Generation der zwischen 1855 und 1865 Geborenen als junge Männer getan haben. Der Volljurist machte Karriere als Landrat und Vortragender Rat im preußischen Landwirtschaftsministerium, bis er schließlich als Generaldirektor der ostpreußischen "Landschaft", des Kreditinstituts der Großgrundbesitzer, fungierte.

Von dieser Position aus begann der umtriebige Radikalnationalist, in dessen politischer Gedankenwelt uferlose Expansionspläne, fanatischer Glaube an den "Endsieg" und innere Reformblockade von Parlamentarisierung und Demokratisierung eine typische Fusion eingingen, für einen neuen Verband der "nationalen Rechten" zu trommeln. Trotz aller anfänglichen Aversion gegen das verachtete Parteiwesen wurde er im September 1917 endlich als Deutsche Vaterlandspartei in Königsberg gegründet. An ihre Spitze trat der mit dem englandfeindlichen Schlachtflottenbau rundum gescheiterte Großadmiral a. D. Alfred von Tirpitz, der seit Jahren zu einer Galionsfigur der neuen Rechten avanciert war. Neben ihm blieb Kapp der eigentliche Organisator, der von dieser Leistung später bei der Vorbereitung des Coup d'État von 1920 zehren konnte.