Die Stimme von Gerhard Roth am Telefon klingt leicht beunruhigt. "Ein Gespräch über die Tierversuche hier in Bremen? Das können wir gerne machen, aber...", kommt der bedeutungsvolle Nachsatz: Er bitte doch darum, das Thema eher allgemein zu diskutieren. "Sonst haben wir nämlich die militanten Tierschützer aus München und Göttingen auf dem Hals."

Darf man, soll man trotzdem über Tierversuche debattieren? In Bremen ist diese Frage längst mit Ja beantwortet. Rund 18 000 Bürger haben mit ihrer Unterschrift bereits dagegen protestiert, daß im kommenden Wintersemester an der Universität Bremen Experimente mit Makakenaffen stattfinden sollen. Im Weser-Kurier machte sich die Volksseele seitenlang in Leserbriefen Luft.

Parteipolitische Vorträge, eine öffentliche Anhörung im Rathaus und kommende Woche gar eine Abstimmung im Bremer Parlament - selten erregt Wissenschaft so viel Aufmerksamkeit.

"Eine Katastrophe", sagt Wolfgang Apel, der Vorsitzende des Bremer Tierschutzvereins, falls die geplanten Versuche an Makakenaffen bewilligt würden. "Eine Katastrophe", sagt der Hirnforscher Gerhard Roth, falls das Projekt vom Parlament abgelehnt werde. Beiden Seiten geht es ums Grundsätzliche: Sind Affenversuche in der Forschung ethisch vertretbar?

Müssen Tiere der Wissenschaft wegen leiden - oder muß die Forschung um der Tiere willen leiden?

Der Streit in Bremen entzündet sich an der Berufung des hoffnungsvollen Nachwuchswissenschaftlers Andreas Kreiter. Der 33jährige soll im kommenden Wintersemester einen Lehrstuhl für theoretische Neurobiologie übernehmen und will auch Experimente mit Makakenäffchen anstellen. Für Gerhard Roth, den Sprecher des Sonderforschungsbereiches "Neurokognition" ist diese Berufung nur folgerichtig. Schließlich soll an der Bremer Universität ein Zentrum der deutschen Hirnforschung entstehen. Und um das Funktionieren des Geistes zu enträtseln, reicht es eben nicht aus, Zellkulturen zu studieren oder bunte Computerbilder auszuwerten. Das Gehirn selbst muß auf den Prüfstand - und der Affe wird dabei oft zum Stellvertreter des Menschen.

Vor allem in der Hirnforschung spitzt sich daher immer wieder der Streit zwischen Wissenschaftlern und Tierversuchsgegnern zu. Rein rechtlich sind die Forscher dabei in der stärkeren Position: Die "Freiheit von Forschung und Lehre" ist im Grundgesetz verankert, der Tierschutz hingegen nicht. Das führt bei den Tierfreunden mitunter zu ohnmächtiger Wut - und zu militantem Aktionismus. "Wenn auch nur einem Affen ein Haar gekrümmt wird, wirst Du bei lebendigem Leibe in Stücke zerschnitten. Bei Gott!!! Wir kennen Deine Lebensgewohnheiten genau und lauern Dir auf. Dir und deiner Familie", schrieben militante Tierversuchsgegner vor einigen Jahren einer Münchner Forscherin, die ebenfalls einen Antrag auf Versuche an Makakenaffen gestellt hatte.