Es kommt nicht so oft vor, daß die Multimediawelt gespannt auf ein neues verwunschenes Märchenreich auf CD-ROM wartet. Nach diesem hier verzehren sich die Fans schon lange. Es ist inzwischen so groß und weit, daß es nicht mehr auf eine Scheibe paßt. Es muß gleich auf einem ganzen Stapel davon ausgeliefert werden, weil es überquillt vor Szenen, Filmen und Rätseln. Und man kann durchaus erwarten, daß es die mehr als drei Millionen verkauften Exemplare seines Vorgängers erreichen wird. Denn wer einmal in die rätselhafte Welt von Myst versank, wird sich auch von dem Nachfolgespiel Riven anlocken lassen.

Myst, der größte Überraschungserfolg der CD-ROM-Ära, kommt auch von einem ganz unwahrscheinlichen Ort: aus einem Haus abseits des Städtchens Spokane im abgelegenen Osten des US-Bundesstaates Washington. Vom Flughafen aus geht es durchs Zentrum von Spokane nach Norden, vorbei an der Abzweigung nach Tum Tum. Ein ausgestopftes Zebra am Straßenrand wirbt für einen Tierpräparator, und dann, weit draußen vor der Stadt, steht ein Haus unter niedrigen Fichten, dessen Winkel, Giebel und Portal gleich an verschiedene Gebäude aus der Welt von Myst erinnern.

Auf dem Parkplatz vor dem Haus schimmert in Glanzlack ein Pickup-Kleinlaster der Luxusklasse, und sein Nummernschild lautet: RIVEN. "Ja, das ist meiner", gesteht Rand Miller, der hier die Geschäfte führt. Das verräterische Kennzeichen habe er seit dem vergangenen September, erzählt der 37jährige mit breitem Grinsen, "damals, als ihr Pressejungs immer über ,Myst II' gemunkelt und gerätselt habt. Ihr hättet nur auf meinen Wagen sehen müssen!"

Rand Miller ist einer der Miller-Brüder, denen Myst das Glück auf Erden brachte. Wer ihre Geschichte kennt, wird eine merkwürdige Parallele entdecken.

In gewissem Sinn ist es schade, daß es um 1830 noch keine CD-ROM-Laufwerke gab. Sonst wären Charlotte, Emily, Anne und Patrick Brontë damals vielleicht Millionäre geworden - wenn sie nur ihre Königreiche "Angria" und "Gondal" erfolgreich vermarktet hätten. In diese Phantasiewelten flohen die vier Geschwister vor ihrem strengen Predigervater. Gut hundert Hefte schrieben und malten sie voll mit detailreich erfundenen Aufregungen, die ihnen das Landleben in Yorkshire nicht bieten konnte. Erst posthum zogen sie in die Literaturgeschichte ein.

160 Jahre später ist alles ein bißchen anders. Der amerikanische Wanderprediger Ron Miller, der sich nach vielen Reisen in Spokane niederläßt, schämt sich auch nicht für seinen gewöhnlichen Namen, anders als Vater Brontë, der eigentlich Patrick Brunty hieß. Und anders als Brontë erlebt Mr. Miller es mit, daß sein Nachwuchs reich und zu Lebzeiten berühmt wird.