Nun kommt sie also doch, die heiß diskutierte "Binnenanerkennung" für die Alternativmedizin. Am Donnerstag nächster Woche will der Bundestag mit Kanzlermehrheit eine Neuordnung zur gesetzlichen Krankenversicherung durchpauken. Kritiker befürchten, daß dann Wunderheiler ihre Leistungen über die Krankenkassen abrechnen können, wodurch Milliarden an Mehrkosten entstünden (siehe "Trug der sanften Medizin", ZEIT Nr. 18/1997 und 19/1997).

Künftig würde nicht mehr der allgemeine Erkenntnisstand der Wissenschaft darüber entscheiden, ob eine Therapieform oder Arznei sinnvoll und damit erstattungspflichtig ist, sondern der wissenschaftliche Erkenntnisstand "in der jeweiligen Therapierichtung". Dieser kurze Zusatz wurde dem neuen Gesetzestext von Lobbyisten der Alternativmedizin hinzugefügt. Er eröffnet Außenseitergruppen die Möglichkeit, selbst zu befinden, welche ihrer Methoden und Mittelchen wirksam und abrechnungsfähig sind, ein Schildbürgerstreich, vergleichbar mit der Ernennung von Dracula zum Bewacher der Blutbank.

Nach heftigen Protesten aus den eigenen Reihen war es nur konsequent, daß das Parlament der deutschen Ärzteschaft, die vergangene Woche zum Deutschen Ärztetag in Eisenach zusammenkam, die Bonner Politiker aufforderte, in der Gesetzesnovelle den Passus "in der jeweiligen Therapierichtung" ersatzlos zu streichen. Dagegen betonte Bundesgesundheitsminister Horst Seehofer in Eisenach, daß es "an den vorliegenden Gesetzen keine Änderungen mehr geben wird". Er räumte zwar ein, das Einfügen der Binnenanerkennung sei ein geschickter Schachzug der Naturheiler gewesen, doch man solle ihn nicht überbewerten. "Auch in Zukunft wird es keinen Raum für Scharlatanerie geben", behauptete er. Schließlich entschieden nicht irgendwelche Außenseiter, was die Krankenkassen bezahlen, sondern der zuständige Ausschuß von Ärzteund Kassenvertretern. Süffisant verwies Seehofer darauf, die Mediziner selbst hätten früher auch nicht auf wissenschaftliche Beweise gepocht und beispielsweise populäre Naturheilmittel in die "Positivliste" aufgenommen, ein Verzeichnis wirksamer und wichtiger Arzneimittel.

Gewiß, die Gesetzesnovellen bringen wichtige Neuerungen, etwa die unpopuläre Erhöhung der finanziellen Eigenbeteiligung der Patienten. Dahinter steckt die bittere Erkenntnis, daß unentgeltliche Leistungen oft mißbraucht werden von Ärzten und Patienten. Doch solche Korrektur rechtfertigt es nicht, Lobbyforderungen gesetzlich zu verankern, die das Ziel der Sparsamkeit zu unterlaufen drohen und Konflikte provozieren. So erteilte der Justitiar des Zentralverbandes der Ärzte für Naturheilverfahren kürzlich in der Zeitschrift Fortschritte der Medizin Ratschläge, wie man die Bezahlung dubioser Therapien bei den Krankenkassen einfordern kann. Der Artikel endet mit dem Hinweis, daß gegen eine Ablehnung durch die Krankenkasse "das zuständige Sozialgericht gerichtskostenfrei angerufen werden" kann.

In Eisenach behauptete Seehofer, er sähe keine Gefahr juristischer Konflikte, notfalls müsse man das Gesetz wieder ändern. Die Naturheiler und ihre Anhänger wären jedoch Wesen von einem anderen Stern, würden sie nicht den Hebel der Binnenanerkennung nutzen. Nicht nur Seehofer, auch viele Ärzte scheuen davor zurück, bei der populären Alternativmedizin klar die Spreu vom Weizen zu trennen. Eine Ärztin, die auch homöopathisch behandelt, appellierte in Eisenach an die Solidarität ihrer Kollegen - und verriet so das stillschweigend akzeptierte Programm: "Wenn wir nicht alternativ therapieren, dann tun's die Heilpraktiker."

So landet der Schwarze Peter bald bei der Justiz. Gerichtskostenfrei, doch zum Schaden aller.