Als Niklas Luhmann 1969 eine Professur für Soziologie in Bielefeld antrat, wurde er aufgefordert, sein Forschungsprojekt zu beschreiben.

"Mein Projekt lautete: Theorie der Gesellschaft Laufzeit: dreißig Jahre Kosten: keine. Die Schwierigkeiten des Projekts waren, was die Laufzeit angeht, realistisch eingeschätzt worden!" Immerhin, zwei Jahre früher als geplant, hat Luhmann sein Projekt abgeschlossen.

Es ist das opus magnum eines der bedeutendsten Soziologen dieses Jahrhunderts.

In seinem zweibändigen Werk "Die Gesellschaft der Gesellschaft" nimmt Luhmann Abschied von Alteuropa und grenzt sich von einer Tradition ab, die mit Platon beginnt und mit Hegel endet. Die Moderne findet ihre Identität, indem sie das Erbe zurückweist.

Die ungeheure Differenz, die uns von der alten Welt Europas trennt, bildet das Zentrum von Luhmanns riesigem Öuvre. Immer wieder zeigt er, daß die Umstellung der Gesellschaft von sozialer "Schichtung" auf funktionale Differenzierung "Verhältnisse" geschaffen hat, die "zu verschieden" sind, um sie "noch vergleichen zu können".

Soll ein Vergleich trotzdem möglich sein, bedarf es der Außenperspektive: Es bedarf einer Theorie der sozialen Evolution. So ist es nicht die Systemtheorie, sondern die Moderne selbst, die eine radikale Neuinterpretation der Begriffe des Menschen, der Politik und der Gesellschaft erzwingt.

Nun, die Worte sind die alten geblieben, aber ihr Sinn ist ein anderer. Seit den großen Tagen der griechischen Philosophie galt der Mensch als ein Lebewesen, dessen Exemplare mal besser, mal schlechter ausfallen und die deshalb das Gattungswesen das eine Mal in einer perfekten, das andere Mal in einer korrupten Gestalt repräsentieren - so wie es ja auch in der Natur genießbare und ungenießbare Äpfel gibt. Vernünftig ist dann diejenige Lebensform, in der die perfekten Exemplare über die korrupten herrschen. In der alteuropäischen Ordnung kommt alles darauf an, daß der, nach Herkunft und Erziehung variierende "Anteil an der Vernunft" (Aristoteles) sich so verteilt, daß an der Spitze, beim Adel, bei den Bürgern, bei den Herren der großen Häuser, Vernunft und Tugend in hoher Konzentration vorhanden ist, während sie proportional zur Entfernung von Spitze und Zentrum (beim Volk, bei Fremden, Frauen, Knechten und Sklaven) immer geringer wird. In der natürlichen Ordnung der Vernunft ist der einzelne Mensch Teil der politischen Gemeinschaft.