Die Ausstellung über die "Verbrechen der Wehrmacht" hat den Mythos von der "sauberen Wehrmacht", welcher das Selbstbewußtsein der deutschen Soldaten des Zweiten Weltkrieges prägte, entzaubert. Jahrelang war die Tatsache, daß nicht wenige Wehrmachtangehörige und Truppenteile an Kriegsverbrechen und am Holocaust beteiligt waren, von den Zeitgenossen verdrängt worden.

Entlastung erhoffen sich die Verteidiger einer "sauberen" Wehrmacht nun zumindest für die Kriegführung gegen die Sowjetunion, indem sie die Präventivkriegsthese aktualisieren. Adaptiert hat sie immerhin der ehemalige Generalinspekteur der Bundeswehr, Heinz Trettner. Ihm zufolge "dürfte heute bewiesen sein, daß der Krieg gegen die Sowjetunion - anders als die Umerziehungspropaganda behauptet - in erster Linie ein nur schweren Herzens begonnener, aufgezwungener Präventivkrieg war und daß unmenschliche Formen vom ersten Tage an von den aufgeheizten sowjetischen Soldaten durch die Ermordung deutscher Kriegsgefangener ... in die Auseinandersetzung hineingetragen wurden" (Bonner General-Anzeiger vom 11. März 1997).

Nähern wir uns einmal durch eine präzise Definition dem umstrittenen Tatbestand: Das Völkerrecht spricht von einer Präventivkriegseröffnung als gewaltsamer Reaktion a) auf einen direkten materiellen oder formellen Angriff oder b) auf einen indirekten Angriff durch Provokation zwecks Durchsetzung einer begründeten oder unbegründeten Zustandsänderung einem anderen Staat gegenüber. Sie gilt als Verteidigungskrieg und liegt vor, wenn ein Staat einem unmittelbar erwarteten Angriff zuvorkommt, um die Zustandserhaltung einem anderen Staat gegenüber durchzusetzen ("Wörterbuch des Völkerrechts", 1961). Wendet man diese Kriterien auf den sogenannten Rußlandfeldzug an, sind folgende Fakten zu beachten:

Gleich zu Regierungsbeginn 1933 hatte Hitler den Befehlshabern der Reichswehr die "Eroberung neuen Lebensraums im Osten u[nd]. dessen rücksichtslose Germanisierung" avisiert. Schon beim Überfall auf Polen handelte es sich nicht um die Revision des Versailler Friedens, sondern um den ersten Schritt zur "Erweiterung des Lebensraumes im Osten und Sicherstellung der Ernährung", wie er der Wehrmachtspitze im Mai 1939 verdeutlichte. Der Pakt mit Stalin war nur als militärische und ökonomische Absicherung gedacht, insbesondere des Angriffs im Westen.

Für Hitler galt der Grundsatz: "Verträge werden ... nur so lange gehalten, wie sie zweckmäßig sind." Solange die Rote Armee ihren bisherigen "geringen Wert" beibehielt, das heißt "die nächsten ein oder zwei Jahre", würde seiner Einschätzung nach "der jetzige Zustand bestehen bleiben" (Hitler zu den Oberbefehlshabern am 23. November 1939). Sobald es die Lage im Westen erlaubte - ob vor oder nach dem Waffengang, blieb offen - mußte losgeschlagen werden - bezeichnenderweise nicht, um einem möglichen Angriff auf Deutschland zuvorzukommen.

Denn nach Hitlers Einschätzung hatte der Realist Stalin einem dynamischen militanten Internationalismus längst abgeschworen. Die Sowjetunion mußte rasch ausgeschaltet werden, einmal wegen ihrer panslawistischen Intentionen als Konkurrent in Osteuropa, sodann wegen ihrer Ambitionen auf dem Balkan und am Persischen Golf, wodurch deutsche Interessen berührt wurden, und nicht zuletzt als Inkarnation des Bösen schlechthin, des Bolschewismus als Ausdruck des "Weltjudentums".

Stalin wußte dies und richtete sich darauf ein. So war das deutsch-sowjetische Verhältnis bis zum Einmarsch der Wehrmacht auf beiden Seiten primär bestimmt durch das Bestreben, Intensität und Tempo der Aufrüstung und Kriegsfähigkeit zu steigern, wie aus vielen Handelsverträgen ersichtlich ist. Deutschland war auf Rohstoffe und Nahrungsmittel aus Sowjetrußland angewiesen, wollte es gegen England Krieg führen oder den Lebensraumkrieg im Osten vorbereiten. Deshalb haben beide Partner hoch gepokert und sich stets an der Grenze des wechselseitig Zumutbaren bewegt.