Kaum ein Fossil hat so viele wissenschaftliche Debatten ausgelöst wie der 150 Millionen Jahre alte Urvogel mit dem indianisch anmutenden Namen "alte Feder" - Archaeopteryx. Konnte er fliegen oder nur gleiten, war er Urahn der Vögel oder nur ein entfernter Verwandter? Gerade eine einzelne Feder und sieben Skelette sollen das prähistorische Rätsel lösen helfen. Nun tauchte in Bamberg die Kopie eines achten Exemplars auf.

"Der Abguß stammt von einem Privatsammler, den ich nicht kenne", erklärt Matthias Mäuser, Leiter des Naturkundemuseums Bamberg. Das Original wurde bereits 1990 in der südlichen Frankenalb entdeckt und als Flugsaurier an den jetzigen Eigentümer verkauft. Nachdem das Fossil freipräpariert war, gab es Zweifel an der Zuordnung des Fundes. Über einen Mittelsmann erhielt Mäuser im Dezember 1996 den Abguß zur Begutachtung. "Aufgrund des fragmentarisch erhaltenen Gabelbeines und der Längenverhältnisse von Ober- und Unterarm", berichtet der Paläontologe, "konnte ich den Skelettrest zweifelsfrei als Urvogel identifizieren." Die Kopie ist bis Mitte Oktober in der Ausstellung "Archaeopteryx - der Urvogel aus der Frankenalb" in Bamberg zu sehen. "Danach muß ich den Abguß zurückgeben", bedauert Mäuser.

Die Solnhofer Plattenkalke, die noch immer in Handarbeit gebrochen werden, lassen sich aufblättern wie ein Geschichtsbuch. Doch nicht jeder vermag darin zu lesen. Vier versteinerte Urvögel verstaubten jahrelang unbeachtet im Museum oder bei Privatsammlern, bis ein Fachmann sie erkannte. Das "Haarlemer Exemplar" fand man bereits 1855 in Jachenhausen bei Riedenburg. Aber erst 1970 wurde es im Teyler-Museum im niederländischen Haarlem als "Archaeopteryx lithographica" beschrieben. Auch das "Eichstätter Exemplar", das heute im Jura-Museum auf der Willbaldsburg ausgestellt ist, blieb der Wissenschaft 22 Jahre lang verborgen. Vom "Solnhofer Exemplar" weiß man nicht einmal, wann und wo es gefunden wurde.

Der Urvogel lüftet sein Geheimnis eben nicht auf den ersten Blick.

Archaeopteryx ist ein Zwitterwesen: Schwanz, Zähne, Schultergürtel, Becken Bauchrippen und die drei Finger mit Krallen weisen ihn als Reptil aus. Das Gabelbein jedoch, sofern man es erkennt, und die Abdrücke der Federn, soweit sie erhalten sind, belegen die Existenz von Vogelvorformen in der Jurazeit.

Damals lag die Gegend um Solnhofen im Schelfbereich eines Weltmeeres, der Tethys. Bei tropischen Temperaturen bildeten Schwamm- und Korallenriffe lagunenartige Wannen, in denen feiner Kalkschlamm sedimentierte. So entstand ein Einbettungsmaterial, das auch feinste Strukturen organischer Bestandteile archivierte. Die Wissenschaftler nehmen an, daß die bisher gefundenen Vögel - allesamt noch jugendlich unerfahren - von Stürmen aufs Meer getrieben wurden und ertranken. Am Grunde des Meeres deckte feiner Kalk die Leichen zu. Der Versteinerungsprozeß konnte beginnen.

Erst der siebte Urvogel, das "Exemplar des Solnhofer Aktienvereins", brachte 1992 den Beweis: Die Federtiere konnten nicht nur gleiten, sondern auch aktiv fliegen. Für längere Flugstrecken fehlten ihnen jedoch die physiologischen Voraussetzungen.