Der Mann, das altbekannt unbekannte Wesen, wird wissenschaftsfähig. Seit Mitte der achtziger Jahre erscheinen Bücher über ihn, verfaßt von Soziologen, Ethnologen, Literatur- und Geschichtswissenschaftlern. Die Frauenforschung hat, mit gebührendem zeitlichen Abstand, eine Männerforschung nach sich gezogen, getreu dem Beauvoirschen Motto: Man wird nicht als Frau - oder Mann - geboren, man wird dazu gemacht.

Die These, daß Männlichkeit, nicht anders als Weiblichkeit, ein Kunstprodukt sei, ein kunstvollkünstlich erzeugtes Gewebe von Vorstellungen, Bildern und Zuschreibungen, hat neue Forschungsperspektiven eröffnet. Wie verläuft jener Konstruktionsprozeß, wer ist daran beteiligt und interessiert? Gibt es konkurrierende Bilder, und auf welche Weise werden sie an den Mann gebracht?

Verändern sich Zuschreibungen, und wenn ja, warum?

Diese Fragen stehen auch im Mittelpunkt des neuen Buches von George L. Mosse.

Der amerikanische Historiker deutsch-jüdischer Herkunft, der demnächst achtzig Jahre alt wird, unternimmt darin einen Streifzug durch zwei Jahrhunderte vornehmlich deutscher Geschichte. Vom späten 18. Jahrhundert bis in unsere unmittelbare Gegenwart hinein sucht er nach dem "Bild des Mannes", nach dem "männlichen Ideal", dem "maskulinen Stereotyp". Er untersucht den Prozeß der Normsetzung im Zeitalter Lavaters und Winckelmanns, er verfolgt den Siegeszug der "modernen Männlichkeit" in Turnvereinen, Schulen und Militär, er arbeitet die Gegenbilder und Anti-Typen heraus.

Frauen, Juden, Homosexuelle, Zigeuner - gegen diese Außenseiter der bürgerlichen Gesellschaft wurde das normative Bild moderner Männlichkeit konstruiert und popularisiert. Wie machtvoll und durchsetzungsfähig es war, zeigte sich nicht zuletzt daran, daß selbst jene Gruppen und Bewegungen, die sich davon zu distanzieren suchten, ihm immer wieder aufsaßen. Auch Homosexuelle und Sozialisten, so Mosse, konnten sich der "Strahlkraft" des Stereotyps nicht entziehen auch die Arbeiterbewegung huldigte dem Kult starker, disziplinierter, mutiger Männlichkeit.

Mosse weist zu Beginn seiner Studie darauf hin, daß das Thema "Maskulinität" für ihn nichts eigentlich Neues sei. In der Tat hat er bereits in früheren Arbeiten - vor allem in der Untersuchung über "Nationalismus und Sexualität" und in seiner Geschichte des modernen Heldentodes: "Gefallen für das Vaterland" - ein auffälliges (weil seltenes) Gespür für die Bedeutung von Geschlechterstereotypen entwickelt. Diese Arbeiten, so umstritten sie unter Historikern auch sind, haben seinerzeit ausgesprochen anregend gewirkt. Die unorthodoxe Verknüpfung historischer Phänomene, die sonst säuberlich voneinander getrennt wurden, übte einen großen Reiz aus - auch wenn die Methodik dieser Verknüpfung und die Folgerungen, die daraus gezogen wurden, nicht durchweg überzeugten.