Mehr als vierzig Jahre mußten sie schweigen, jetzt können sie endlich reden: die Ärzte und Wissenschaftler, die im Südural die Folgen radioaktiver Verseuchungen untersucht haben. Doch das internationale Interesse an ihren Ergebnissen ist gering, und den russischen Wissenschaftlern fehlt das Geld, ihre Daten auszuwerten. "Schreiben Sie, daß wertvolles Material verfällt", sagte Strahlenforscher Gennadij Romanow der kleinen Gruppe deutscher Journalisten, die erstmals die Gelegenheit hatten, die einst streng geheimgehaltene Atomwaffenfabrik Majak im Südural zu besichtigen.

Noch heute sind die Russen stolz auf das, was sie damals geleistet haben: In zwei Jahren stampften sie die Atomwaffenfabrik aus dem Boden, nur vier Jahre nach dem amerikanischen Atombombenabwurf auf Hiroshima und Nagasaki zündeten sie ihre erste Atombombe - das Gleichgewicht des Schreckens war hergestellt.

Diesem Ziel wurden alle anderen untergeordnet, Gesundheits- und Umweltschutz spielten in den Anfangsjahren überhaupt keine Rolle. Auch wußte man wenig über die gesundheitlichen Folgen radioaktiver Verstrahlungen. Majak hat, so zynisch das klingt, dieses Wissen erheblich vermehrt. Praktisch von Betriebsbeginn an wurden die Beschäftigten der Atomanlage wie die Bevölkerung in der Region systematisch untersucht. Heute weiß man, daß die Menschen im Südural für das nukleare Wettrüsten einen hohen Preis zahlten: Drei schwere Havarien führten zu radioaktiven Verseuchungen, die in ihrem Ausmaß die Katastrophe von Tschernobyl bei weitem übertreffen. Schätzungsweise 500 000 Menschen wurden verstrahlt, bei mindestens 50 000 muß mit bleibenden gesundheitlichen Schäden gerechnet werden.

Nirgendwo sonst auf der Welt gibt es das Krankheitsbild des chronisch Strahlenkranken, der unter einer veränderten Blutgerinnung, neurologischen Ausfällen, Immunschwäche und Knochenschmerzen leidet. Am schlimmsten getroffen hat es die Anwohner des Flüßchens Tetscha, in das Majak bis 1952 seine radioaktiven flüssigen Abfälle einleitete. Es gäbe eine "industrielle Verschmutzung" wurde den Tetscha-Anwohnern gesagt, die über Nacht ihre Häuser räumen mußten. Völlig ahnungslos hatten sie in dem mit Strontium-90 und Cäsium-137 verseuchten Fluß gebadet, das Wasser getrunken und ihr Vieh damit getränkt. "Die Menschen dort erhielten bis zur zehnfachen Dosis dessen, was die Bewohner von Tschernobyl abbekamen", stellt Mira Kossenko vom Forschungszentrum für Strahlenmedizin in Tscheljabinsk fest. Die Katastrophe von Tschernobyl hat vielen von ihnen einen Paß beschert, der sie als Strahlenkranke ausweist und ihnen Vergünstigungen garantiert. Doch der Paß nutzt wenig, solange das Geld fehlt. "Wir haben zuwenig Medikamente, zuwenig Verbandsmaterial, keine Desinfektionsmittel für die Chirurgie", klagt Alexander Kisseljow von der Bezirksregierung Tscheljabinsk. Die städtische Strahlenklinik ist wegen Geldmangels faktisch geschlossen.

Seit sechs Jahren weiß die Welt von den Katastrophen im Südural, doch die erhofften Hilfen blieben aus. Der Ural ist eben weiter weg als Weißrußland.

"Der Vergleich mit Tschernobyl geht zu unseren Ungunsten aus", sagt Alexander Akeljew, Direktor des Forschungszentrums für Strahlenmedizin in Tscheljabinsk. Während nach Osteuropa reichlich Hilfsmittel flossen, ging der hochverstrahlte westsibirische Landstrich leer aus. Die gesundheitliche Versorgung der Bevölkerung ist miserabel, und es fehlt an Geld, die tickenden ökologischen Zeitbomben zu entschärfen.

Da sind beispielsweise 400 Millionen Kubikmeter Wasser in Stauseen, hochgradig verstrahlt. Weil weniger Wasser verdunstet, als durch Niederschläge hinzukommt, steigt der Wasserspiegel bedrohlich an. Liefen die Seen über, würde die radioaktive Fracht über den Tetscha bis ins Nördliche Eismeer gelangen. Die nächste ökologische Katastrophe wäre perfekt. Noch nicht entschärft ist auch die Situation am Karatschaisee, einem Abfallbecken für radioaktive Stoffe. 1967 trocknete der See aus und der Wind verbreitete plutonium-, strontium- und cäsiumhaltigen Staub auf einer Fläche von 3000 Quadratkilometern. Nun wird der See mit Betonblöcken und Kies verfüllt, mit Lehm und Erde abgedeckt. Doch die Gefahr ist geblieben. Schon sind die radioaktiven Abwässer ins Grundwasser vorgedrungen.