Kassel hat oft Verkehr mit Frankreich gehabt. Da war zum Beispiel Denis Papin. Der erfand die Dampfmaschine und montierte sie auf ein Schiff. Fuldaschiffer hauten das Ganze in Stücke. So ging man in Kassel mit der französischen Vernunft um. Dann kam "König Lustig", Jér'me Bonaparte. Er machte Kassel zur Hauptstadt eines Königreiches Westfalen und lehrte die Kasselaner die französischen Freiheiten. Das mit Westfalen hatte noch ein Nachspiel: Die Nordhessen zerschlugen die Marmorstatue des großen Napoleon, die auf dem Königsplatz stand. Mit dem Carrara-Marmor flickten sie das Standbild Friedrichs II., das unter den Franzosen schwer gelitten hatte und das dank dieser Organspende von Herrscher zu Herrscher noch heute das documenta-Treiben auf dem Friedrichsplatz überschaut.

1871 bezog ein französischer Kaiser persönlich Quartier in Kassel.

Er war ein geschlagener Mann und wurde von seinen Gastgebern mit vielen Artigkeiten behandelt. Im Spaziergänger von Schloß Wilhelmshöhe begegneten die Kasselaner der französischen Melancholie.

Nein, die Franzosen konnten sich Kassel nie entziehen. Auch die Schilder halfen nichts, die Kurfürst Wilhelm I. an die Grenzen des Landes stellte, um die französischen Soldaten abzuhalten.

Sie lasen "Electorat de Hesse, pays neutre" und scherten sich nicht darum. Nun haben die hundert Tage der Catherine David begonnen.

Neutralität wird es wieder nicht geben.

Die documenta X hat eine strenge Dominante im Fridericianum, dem früheren Museumsbau und zentralen documenta-Ort seit Anbeginn, und zwei freiere Schauplätze im Kulturbahnhof und im Ottoneum, dem kleineren Bau des Naturkundemuseums. Den vierten Austragungsort, die documenta-Halle, hat man wiederum nicht in den Griff bekommen - daran ist die einzigartig verkorkste Architektur schuld. Der Berichterstatter muß gestehen, daß er den von Catherine David angekündigten "Parcours" zwischen diesen Stationen nicht als Leitlinie erfahren und den Dialog mit der Stadt "als einem experimentellen Ort" versäumt hat.