Nur diese! "Tristan und Isolde, Aufnahme Bayreuth 1966 mit Birgit Nilsson", wollte Gerd Wenzinger in seine Zelle im Gefängnis von Salvador da Bahia, Brasilien, geliefert haben. "Andere Einspielungen sind nicht anzuhören." Zwischentöne lagen ihm nicht, und deshalb formulierte er auch andere Fragen radikal: entweder die Freiheit in Brasilien oder Selbstmord, falls er an die deutsche Justiz ausgeliefert werden sollte.

Am Morgen des 16. Juni macht er seine Drohung wahr. Gerd Wenzinger wird erhängt in seiner Zelle gefunden. Die Zeitungen in Deutschland berichten in großer Aufmachung vom Tod des "Havel-Rippers", die in Brasilien vom "deutschen Monster": Bild verdächtigt ihn, dreizehn Prostituierte getötet zu haben, Folha de SÆo Paulo spricht von "Dutzenden" und meldet weiter, er habe "Hunderte" von Frauen gefoltert.

Im vergangenen Jahr hat die Staatsanwaltschaft in Berlin Gerd Wenzinger angeklagt, 1994 die Prostituierte Dana Franzke ermordet zu haben. Für weitere Tötungsdelikte hat die Kriminalpolizei in Berlin keine Anhaltspunkte gefunden das wird auf Nachfrage zweifelsfrei bestätigt. Trotzdem war dieser Mann alles andere als ein gewöhnlicher Angeklagter.

Im Februar 1996 fanden Polizeibeamte, von argwöhnischen Nachbarn gerufen, in Wenzingers Wohnung in Salvador Videokassetten. Sie zeigen ihn bei der Mißhandlung von Frauen: Er vergrößert mit Wasser die Brüste der betäubten Frauen, traktiert Geschlechtsteile mit Nadeln. Das brasilianische Fernsehen zeigt Ausschnitte. Der Deutsche wird verhaftet. Ein österreichischer Freund, dem der Inhaftierte den Schlüssel für seine Wohnung überläßt, findet dort weitere Filmbänder. Das grauenerregende Material, mit dem Wenzingers Angehörige in Berlin zunächst erpreßt werden, landet schließlich bei der Kripo in Berlin. Für die ist damit der mysteriöse Fall jener im Sommer 1994 in der Havel aufgefundenen Leichenteile geklärt: Die Bänder zeigen den mutmaßlichen Frauenmörder beim Sexualakt mit dem Leichnam der Dana Franzke und beim anschließenden Zerteilen ihres Körpers.

In den ersten Wochen nach seiner Verhaftung gibt der Deutsche der brasilianischen Polizei und auch den Medien bereitwillig Auskunft über seine Sexualpraktiken. "In Brasilien sind die Menschen toleranter", erklärt er und ist überrascht, daß seine perversen Praktiken auch in Brasilien Entsetzen hervorrufen. Einzelne Kommentatoren rufen nach der Todesstrafe.

Über den Mann und sein Leben ist wenig genug in Erfahrung zu bringen. 1943 in St. Blasien geboren. Für die Eltern war der Zweitgeborene das unproblematische ihrer drei Kinder, für die jüngere Schwester war er der "unglaublich liebe" Bruder, der Geige spielt, gern malt und modelliert. Nach dem Abitur beginnt er ein Mathematik- und Physikstudium, wechselt zur Medizin. Eine Ehe scheitert nach vier Jahren, wechselnde Partnerschaften folgen. "Er hat sich sehnsüchtig eine gute Beziehung gewünscht, hatte eine opernhafte Vorstellung von der ganz großen Liebe", sagt seine Schwester. "Er hat eine Nähe geschaffen, wo keiner mehr Luft holen kann. Aber mit seiner Eifersucht und seiner eigenen Untreue hat er immer alles zerstört."

1978 läßt Wenzinger sich als Arzt für Allgemeinmedizin in Stuttgart nieder.