Tirana Für ein Potemkinsches Dorf ist Ndroq eigentlich zu schäbig. Ein zweistöckiger Betonkasten als Gemeindeamt, gegenüber zwei schmucklose Mietshäuser, ein kleines Café mit Panoramatapete - das ist neben verstreuten Bauernhäusern alles, was der Ort im Westen von Tirana seinen 1400 Einwohnern bietet. Daß Ndroq trotzdem zur Ehre eines Wahlkampfauftritts von Präsident Berisha kommt, verdankt es allein seiner Nähe zur Hauptstadt. Nicht einmal jubelndes Volk gibt es hier. Die Anhänger kommen mit dem Präsidenten in der Autokolonne aus Tirana.

Zehn Minuten spricht der Präsident, dankt dem Dorf für seine Treue, immer wieder unterbrochen durch spontan aufbrandenden Applaus seiner Entourage und gerade lange genug, daß der Kameramann im ersten Stock des Gemeindeamts den Auftritt als machtvolle Kundgebung filmen kann. Am Abend sind Präsident und jubelndes Ndroq dann auch erste Meldung in den Fernsehnachrichten. Nicht ins Bild kommen die Bauern, die sich inzwischen am Rande des Platzes eingefunden haben und keineswegs jubeln. Kaum ist Berishas Wanderzirkus abgereist, fluchen sie lautstark über den Präsidenten und den Bürgermeister. "Berisha kriegt hier keine fünf Prozent", wirft einer in die Runde. "Ach was", spottet ein anderer, "null Stimmen kriegt der!"

Sali Berisha ist in der Auswahl seiner Kulissen nicht mehr frei. Die Parteifreunde in Lushnja haben seinen Auftritt abgelehnt. Saranda, die Touristenstadt im Süden, hat der Präsidentenkolonne mit einer Barrikade den Zutritt verwehrt. In einem Dorf bei Durresi wurde er mit einer Handgranate beworfen. Und in den Städten, einschließlich Tirana, kommen nur Auftritte in geschlossenen Räumen in Frage. In Vlora ist an Wahlkampf schon gar nicht zu denken. "Höchstens fünfzehn Prozent können die Demokraten am 29. Juni bekommen", meint der Politikchef der führenden Tageszeitung Koha jone (Unsere Zeit), "jedes Ergebnis über zwanzig Prozent wäre massiv gefälscht."

Die Neuwahl des Parlaments, erst Anfang März auf Druck des Auslands zwischen Berisha und der Opposition vereinbart, wird allmählich zur Farce. Daß Albanien seinen postkommunistischen Diktator auf legalem Weg wieder los wird, glauben nur wenige. "Es gibt im Grunde nur zwei Möglichkeiten", meint Skender Gjinushi, der Vorsitzende der kleinen Sozialdemokratischen Partei. "Entweder die Wahl wird wie im letzten Mai wieder im großen Stil gefälscht, oder Berisha organisiert ihr Scheitern, veranstaltet am Wahltag ein großes Durcheinander, inszeniert Zwischenfälle, läßt Wahllokale und Urnen zerstören, um das Ergebnis nicht anerkennen zu müssen." In beiden Fällen, meint Gjinushi, versänke Albanien wieder im Chaos.

In ihrer Vereinbarung Anfang März haben die Parteien versprochen, den Bericht der Wahlbeobachter zu akzeptieren und sich über das Ergebnis "nicht zu streiten". Aber wer sich in Berishas Umgebung umhört, kann daran nicht glauben. Im vergangenen Jahr, behauptet noch heute Genc Pollo, der wichtigste Präsidentenberater, sei nicht die Wahl, sondern die Wahlbeobachtung "die eigentliche Fälschung" gewesen. Das klingt nicht nach Bereitschaft zur Akzeptanz des Urteils der europäischen Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit (OSZE), die auch diese Wahlen wieder beobachtet. Man habe ihm versprochen, daß keiner der Wahlbeobachter vom letzten Mal wieder eingesetzt werde, sagt Pollo. Das aber wäre gegen jede Regel und wird vom OSZE-Generalsekretariat in Wien denn auch glatt dementiert.

Wochenlang haben die Oppositionsparteien verlangt, die OSZE solle die Wahlen, wie in Bosnien, gleich selber durchführen nur so seien Freiheit und Fairneß zu garantieren. Die Mission unter dem früheren österreichischen Bundeskanzler Franz Vranitzky hat dieser Anforderung aber erfolgreich getrotzt. Das wäre gar nicht gegangen, heißt es an höherer diplomatischer Stelle: Man hätte für jedes der 4700 Wahllokale einen Beobachter gebraucht und zwei Soldaten, die ihn beschützen. Jetzt werden maximal 600 Beobachter erwartet, dazu eine Reihe Parlamentarier vom Europarat, der EU und der Nordatlantikversammlung. Geht es nach der OSZE, so werden sie alle einen gemeinsamen Bericht schreiben.

Besonders die Parlamentarier aber sträuben sich dagegen manche Konservative und Christdemokraten sind Berisha so zugetan, daß ihr positives Urteil offenbar bereits feststeht. So wird es wohl wieder, wie 1996, einen Krieg der Berichte geben - und damit einen Wirrwarr, der es Berishas Freunden in Europa erlaubt, ihn auch nach der Wahl weiter zu stützen.