Charles Mason (1728-1786) und Jeremiah Dixon (1733-1779) waren zwei britische Landvermesser, die im Auftrag der Londoner Royal Society die Grenze zwischen den heutigen US-Staaten Pennsylvania und Maryland festlegten. Ihre Geschichte erzählt Pynchon in seinem fünften Roman, ohne auch nur zu erwähnen, daß die Mason-Dixon-Linie, weil sie nachmals Nord- und Südstaaten trennte, ein Jahrhundert später zur Hauptkampflinie des amerikanischen Bürgerkrieges werden sollte. So treu bleibt der Roman - bis in Sprache und Orthographie hinein - der Geschichte im Doppelsinn: Er rekonstruiert das Jahrhundert der Aufklärung in allen Details seiner Wissenschafts-, Kulturund Sprachgeschichte; er vermeidet jene Sprünge durch Zeit oder Raum, für die Pynchons frühere Romane berühmt waren, und führt eigens einen Erzähler ein, dessen Frömmigkeit die Ereignisse zu Lebensgeschichten ohne Sex and Crime filtert. In "Mason & Dixon" geschieht, mit anderen Worten, fast nichts. Es gibt keine Paranoia wie in allen anderen Pynchon-Romanen und damit auch die leidenschaftliche Suche nach dem technischen oder politischen Geheimnis hinter der Romanhandlung nicht. Es gibt nur die maßlose Geduld einer kulturhistorischen Beschwörung, die ihresgleichen wohl nur noch an Flauberts "Salammbô" hat.

Was Pynchon aus wissenschaftlichen und literarischen Quellen des 18. Jahrhunderts ausgräbt, ist eine Archäologie der weißen Erdherrschaft. In Konkurrenz mit Holland und Frankreich kämpft Großbritannien im globalen Raum zwischen Indien, Afrika und Amerika nicht bloß um Kolonien, sondern vorab um Wissenschaften, die besiedelte Kolonien erst möglich machen. Schon darum bleibt die East India Company am drohenden Rand des Romans, während die Royal Society seine Mitte bildet. Ihre Forschungen, um auftragsgemäß mit aller Scholastik aufzuräumen, umfassen Astronomie und Geographie, Navigation und Botanik. Mason, der englische Astronom, und Dixon, der schottische Landvermesser, sind nur Räder in einem modernen Wissenschaftsbetrieb, der diese Erde und ihren Ort im Weltall in reelle Zahlen und exakte Karten übersetzt. Denn auf der Entwicklung von Kalkülen und Präzisionsmeßgeräten hat die europäische Erdherrschaft beruht: Wer wie Mason und Dixon (oder auch Cook auf seinen Weltumseglungen) über das Staatsgeheimnis erster Uhren verfügt, deren Genauigkeit auch schwerster Seegang nichts mehr anhat, kann Längen- und Breitengrade bestimmen, die es dann ihrerseits erlauben, Grenzen als fast geradlinige Schneisen noch durch Amerikas Urwälder zu legen.

Was zusammenstößt, sind also einmal mehr Konstruktion und Raum, Ingenieurstechnik und Chaos. Der Roman beginnt mit einem chaotischen Seegefecht, streift (wie schon "V." und "Gravity's Rainbow" ) die Wüsten Südafrikas, gelangt im unbewohnbaren St. Helena, der kommenden, aber nicht vorhergesagten Gefängnisinsel Napoleons, ans Herz der Finsternis, um schließlich - wie sein Schreiber auch - nach Nordamerika heimzufinden. Dieses Amerika aber ist seit dem Siebenjährigen Krieg von französischen Kolonialherren (mit Ausnahme einer halbmythischen Jesuitenverschwörung) schon befreit und steht kurz vor seinem Unabhängigkeitskrieg, der im Intervall zwischen erzählter Zeit und Erzählzeit auch die britische Kolonialherrschaft abschütteln wird. Wobei Pynchon nicht müde wird, zwischen Kolonialismus und Drogenhandel alle möglichen kulturhistorischen Zusammenhänge herzustellen: von der Teesteuer, die den amerikanischen Aufstand auslöste, über die weiblichen Hanfstauden, die George Washington nachweislich züchtete, bis zu Rohrzucker und Kaffee, die auch den tragenden historischen Zusammenhang zwischen Genußmitteln und Sklavenhandel stiften.

Schon darum ist die Szene des Romans, wenn nicht gerade Planeten oder Breitengrade zu vermessen sind, grundsätzlich das Wirtshaus. Weiße aus allen möglichen Ländern Europas trinken und reden, bis ein anglikanischer Pfarrer beim Familienweihnachten all diese Reden noch einmal für Nichten und Neffen erzählt. Nur sein geheimes Tagebuch, dessen Fragmente als Motti über die 78 Kapitel verstreut sind, verzeichnet die Ahnung, daß jenseits der weißen Häuser und Wirtshäuser womöglich andere, bösere Götter herrschen - Götter, die den eucharistischen Verzehr von Fleisch und Blut wörtlich nehmen. Dieses Andere aber ist, auch für Mason und Dixon, immer bloß zu streifen. Wenn sie am Kap der sadomasochistischen Erotik zwischen Buren und Negersklaven nachgehen oder in Maryland einem Indianerpogrom auf der Spur sind, kommen die Aufklärer knapp, aber grundsätzlich zu spät. Einmal mehr beschreibt Pynchon keinen einzigen Mord.

Nur am Wendepunkt des Romans, wenn Mason und Dixon zum westlichsten Punkt ihrer Grenzziehung gelangen, tauchen blutige Skalps am Gürtel von Indianerhäuptlingen auf, die den großen Kriegspfad durch ihre Urwälder allen Weißen untersagen. An dieses Verbot hält sich aber nicht nur das seltsame Zwillingspaar der Helden, sondern auch der Roman selbst. Wunder und Zeichen (wie etwa verliebte Roboter, chinesische Erddrachen, unterirdische Antipoden) gibt es zwar in eingelegten Märchen, Träumen oder Slapsticks, die das Jahrhundert der Aufklärung an seinem Aberglauben messen, aber alle Gewißheiten des Romans verbleiben diesseits jener bösen Geraden, die die wissenschaftlich-technische Erschließung über die Erde zieht. In einem der seltenen Selbstkommentare heißt es, fast unübersetzbar vor lauter Sprachspielen: "Das irdische Paradies bleibt auf immer hinter dem Sonnenuntergang und nur solange sicher, bis das nächste Territorium in Richtung Westen gesichtet und aufgezeichnet ist, gemessen und festgezurrt ans Netz der Schon-Bekannten-Punkte, wie es langsam seinen Weg durch den Erdteil trianguliert, alles vom Konjunktiv auf den Deklarativ umstellt und Möglichkeiten zu Einfachheiten, die Staatszwecken dienen, schrumpfen macht. Das Netz gewinnt dem Reich des Heiligen seine Grenzländer ab und schlägt sie eins ums andere dieser nackten sterblichen Welt zu, die unsere Heimat und unsere Verzweiflung ist."

Wie kein anderer Romanschreiber hat Pynchon, der ja nicht nur Photos und Interviews verweigert, das Weite gesucht. Seine Romane spielten auf Malta und im Weltkriegsdeutschland, in der Kalahari und in der Frühneuzeit. Aber seit "Vineland", die trostlose Geschichte von Kaliforniens Hippies, 1990 mit einer Widmung "an Vater und Mutter" erschien, scheint Pynchon auf dem Weg nach Hause. "Mason & Dixon" löst sich Schritt um Schritt von der Wissenspolitik gelehrter Gesellschaften und versenkt sich statt dessen in die Konjunktive oder Möglichkeiten eines Erdteils, unmittelbar bevor er sich zu Vereinigten Staaten ernannte. Als einziges Zitat aus der amerikanischen Verfassung übernimmt der Roman das Versprechen an alle Staatsbürger, ihr Glück zwar nicht zu finden, aber doch verfolgen zu dürfen. Deshalb führt auch Masons Unglück (seine Frau verloren und seine wissenschaftliche Karriere verspielt zu haben) schließlich nach Philadelphia zurück, wo ihm ein elektrizitätsbegeisterter Benjamin Franklin die letzte und härteste Grenze, den Tod, leichter macht. Dixon und Mason erlauben sich kurz vor ihrem Ende doch noch eine Tat: Der Sanguiniker im handlungsärmsten Pynchon-Roman befreit ein paar Sklaven, der Melancholiker beleidigt seinen Vorgesetzen bis aufs Blut. Wenn es (mit Michel Foucault) das Glück nicht gibt und das der Menschen noch weniger, bleibt nur die Hoffnung auf ein Leben ohne Herren.