Am Anfang war der Sex. Und das Verbrechen. Exklusiv für die Ostdeutschen, in Farbe und für nur eine Mark die Woche.

Der Burda-Verlag hatte ein klares Ziel, als er im August 1990 die erste SuperIllu drüben an die Kioske auslieferte: Eine Illustrierte speziell für den großen, neuen Markt jenseits der Mauer. Aber er hatte auch ein Problem: Noch wußte niemand so recht, was die Ostdeutschen überhaupt lesen wollten. Also setzte Burda auf die unbewältigte Gegenwart. Den Sex hatte der Sozialismus in die Privatsphäre verbannt und das Verbrechen zu einem guten Teil verstaatlicht. Die SuperIllu druckte beides. Sie brachte "Die nackte Revolution - Mit Intim-Fragebogen" und die "Geheimakte Honecker - Die Lügen der Hexe Margot"; sie zeigte "Das Mädchen von nebenan - Mein junger Körper schreit nach Liebe" und den "perversen Mörder von Beelitz". Das Konzept ging auf. 900 000 SuperIllus gingen jede Woche über den Tresen. Das Blut-und-Busen-Magazin wurde aus dem Stand zur meistgelesenen Zeitschrift im Osten.

Das ist sieben Jahre her, und es hat sich seither viel geändert. Die SuperIllu hat sich zum Familienblatt gewandelt, sie kostet 1,70 Mark, und sie verkauft auch keine 900 000 Hefte mehr. Die Nackten und die Toten haben Platz gemacht für gemäßigt boulevardeske Reportagen über ostdeutsche Zustände und Begebenheiten, für breitenwirksam aufbereitete politische Geschichten, für viele Seiten Ratgeber und für friedlichen Klatsch aus der Welt des Entertainment. Manches hat sich auch nicht verändert. Die SuperIllu ist immer noch die Nummer eins in Ostdeutschland, und sie läuft noch immer unter Ausschluß der westlichen Öffentlichkeit.

Gleich ums Eck vom Alexanderplatz logiert die SuperIllu in den ehemaligen Räumen der DDR-Nachrichtenagentur ADN. Von den 25 Redakteuren sind zwei Drittel Eingeborene, der Rest stammt aus dem Westen. Chefredakteur Jochen Wolff, der hier wenige Monate nach dem Debüt des Blattes seinen Dienst antrat, hat fünfzehn Jahre bei der Quick auf dem Buckel. Seine persönliche Wende erlebte Wolff im Januar 1992. Nach eineinhalb fetten Jahren für die SuperIllu brach in den Landschaften des Ostens statt der versprochenen Blüte die große Zeit der Dürre an. Massenentlassungen, Mieterhöhungen und immer neue Enthüllungen der Gauck-Behörde nahmen den Ostdeutschen die Lust an der Lust. Wolff: "Sex und Erotik waren nicht mehr gefragt. Wer Probleme hat, die Familie durchzubringen, hat andere Sorgen. Und daß Honecker Porno guckte, wurde gering gegen immer neue Pleiten." Es gab sogar Beschwerdebriefe: Viele Leserinnen fühlten sich durch die ständigen Sex-Artikel der SuperIllu zu sehr unter Druck gesetzt.

Zu dieser Zeit begannen auch viele Ostdeutsche, der westdeutschen Berichterstattung über den Osten überdrüssig zu werden. "In den Westmedien hieß es Stasi, Stasi, Stasi", sagt Jochen Wolff und meint damit auch die SuperIllu. "Die Leute sagten sich, wir können nicht unsere ganze Vergangenheit am Garderobenschalter der deutschen Einheit abgeben. Es war nicht alles Stasi, man erinnerte sich an Alltagserlebnisse, an die erste Liebe, Familie und Fernsehabende. Man hat nach neuen Werten gesucht und vieles Alte wiederentdeckt." Allerdings nicht in der SuperIllu. Da half es auch nicht, daß der Burda-Verlag mit seinem zweiten großen Ostprojekt, der berüchtigten Tageszeitung Super, auf der Schmuddelskala alle Rekorde brach. Das Revolverblatt hinterließ bis zu seinem Exitus im Juli 1992 auch Schmauchspuren an seinem Namensvetter. Die Auflage der SuperIllu sank in jenem Jahr auf 400 000 Stück.

Das Blatt erfuhr eine Radikalkur. Im Februar 1993 begann sein zweites Leben. Die Hexe Margot mußte ihren Besen nehmen, und die jungen Körper hörten auf, nach Liebe zu schreien. SuperIllu bietet seither die große Familienpackung. Reportagen aus Politik, Gesellschaft und Wirtschaft, aber immer, so Jochen Wolff, "da, wo's die Leute wirklich betrifft". Die meisten der Geschichten beschäftigen sich mit ostdeutschen Themen. Ein Interview mit Stolpe über die Arbeitslosigkeit, eine Reportage über Straßenkinder in Rostock und eine Geschichte über Bakterien in Krankenhäusern. Dann ein großer Ratgeberteil mit Tips zum Behördengang, zum Geldanlegen und zum Mietwohnen. Es folgen Reisegeschichten aus Deutschland und der Welt, und im vierten und letzten Teil jedes Heftes das Neueste vom Klatsch. Ganz hinten steht in jeder SuperIllu allerdings noch eine Art journalistischer Mauerrest, das Girl der Woche (vormals: Mädchen von nebenan). Der gestrippten Mitbürgerin steht allerdings nur noch eine Seite statt der einstigen zwei zur Verfügung, und die Photos sind auch irgendwie harmloser geworden. Die SuperIllu, sagt Wolff, ist eine Art Heimatzeitschrift für den Osten.

Und der scheint seine Heimat zu lieben: Die Auflage der SuperIllu liegt nun wieder bei 600 000 Heften. 50 000 davon gehen an Leser im Westen, von denen die meisten abgewanderte Ostdeutsche sind. Mit den restlichen 550 000 Heften erreicht SuperIllu in den neuen Ländern etwa zwei Millionen Leser, viermal mehr als der Spiegel und fünfmal mehr als stern und Focus. Das Publikum des Blattes stammt aus allen Schichten. Jochen Wolff ist stolz auf sein Blatt: "Wir sind die Nummer eins bei den Jungen, bei den Gutverdienenden und bei den Gebildeten." Vom schlechten Image scheint nichts geblieben - außer im Westen, wo das Blatt immer noch gerne mit Super verwechselt wird. Wolff: "Für unsere Leser ist die SuperIllu wie eine Sucht, daß endlich Donnerstag wird, daß ihre Probleme und ihre Welt behandelt werden."