Der Gefängnisarzt trieb die Akupunkturnadel vom Daumen quer durch die rechte Hand, bis sie unterhalb des kleinen Fingers wieder heraustrat. Dann zog er die Nadel langsam zurück, stach sie erneut durch die Hand, wieder und wieder, bis der Gefangene Han Dongfang, fast wahnsinnig vor Schmerzen, in ein irres Gelächter ausbrach. Mit leerem Blick wandte sich der Peiniger von seinem Opfer ab.

Es schnürte uns das Herz zu, als wir das erste Mal, in einem Portrait über Han Dongfang, lasen, wie sie ihn gequält haben. Dann schilderte ein zweiter Artikel die Folterszene mit der Nadel. Jetzt erzählt Han sie uns selbst, und wir schämen uns, weil wir uns bei dem Gedanken ertappen, da setze jemand allzu routiniert auf das Entsetzen seines Gegenübers. Aber Folter bleibt Folter, und wir haben danach gefragt. Es ist nicht Han Dongfangs Schuld, daß plötzlich alle Welt an seinem Schicksal Anteil nimmt.

Als 1989 in Peking die demonstrierenden Studenten dem Regime die Stirn boten, gründete der damals 26jährige Eisenbahner auf dem Tiananmen-Platz die Autonome Pekinger Arbeitervereinigung, die erste unabhängige Gewerkschaft der Volksrepublik China. Arbeiter an der Seite von Studenten: Damit war für die kommunistische Führung die Machtfrage gestellt. Niemals durfte es einen chinesischen Lech Walesa geben!

Das Regime hat an Han schreckliche Rache geübt, ihn in eine Gefängniszelle mit zwanzig TB-Kranken gesteckt, bis auch er Tuberkulose hatte. Die rechte Lunge mußten sie ihm danach wegschneiden. "Beim Laufen habe ich Mühe", sagt er, "ich kann auch nicht mehr so lange schwimmen wie früher."

Nach 22 Monaten Haft ohne Gerichtsverhandlung wurde Han entlassen und durfte zu einer Klinikbehandlung in die Vereinigten Staaten ausreisen. Aber die Rückkehr nach China war ihm verwehrt. Als er sich 1993 über die Grenze stahl, wurde er schon am nächsten Morgen in Kanton aufgegriffen und nach Hongkong abgeschoben. Dort lebt er seither mit seiner Familie auf der ruhigen Insel Lamma.

Während die letzten in der Stadt verbliebenen chinesischen Dissidenten Anfang dieses Jahres verzweifelt einen Zufluchtsort im Westen suchten, entschloß sich Han, über den 1. Juli hinaus in Hongkong zu bleiben. "Als chinesischer Staatsbürger habe ich das Recht, in meinem Land zu leben", beharrt er.

In Hongkong fühlt er sich den chinesischen Arbeitern nahe. Auf stillen Pfaden gelangt sein monatliches China Labour Bulletin in viele Fabriken der Volksrepublik. Und seit März sitzt er einmal wöchentlich vor dem Mikrophon von Radio Free Asia. Am Ende seines zehnminütigen Programms nennt er jedesmal seine Telephonnummer. Und tatsächlich rufen Arbeiter aus China bei ihm an - drei, vielleicht fünf in der Woche.