Dort, wo er herkommt, war es finster. Das zeigen die Photos. Es gibt Tausende, von denen nur wenige veröffentlicht wurden: hundert Photos aus den Jahren 1970 bis 1975 in einem Bildband, der "Zuhause" heißt. Zuhause - das ist Sangerhausen, eine Kleinstadt in Sachsen- Anhalt, irgendwo zwischen dem Kyffhäuser und Eisleben, Barbarossahöhle und Lutherstadt, Wilhelminismus und Protestantismus, Militärstaat und Gewissensbuchhaltung. Im Schwitzkasten deutscher Geschichte alpträumte sich das Kaff Sangerhausen durch die DDR-Zeit, als Einar Schleef, Jahrgang 1944, hier lebte und zur Schule ging.

Er ist ein Sangerhausener.

Einar Schleef: Autor, Regisseur, Bühnenbildner, Maler, Photograph (und in seltenen Fällen auch Schauspieler). Bei seinen Auftritten kommt es häufig zu schweren Ausfällen in der bürgerlichen Wahrnehmung, zu regelrechten Drehschwindel-Attacken. Wenn man etwas nicht versteht, aber achtet, redet man gern von "Genie". Wenn es das Erträgliche überschreitet, von "Monster". Für so ein "Monster" hält man Schleef, für einen "Berserker". Man sah ihn als Rädelsführer einer künstlerischen "Wehrsportgruppe", und Peter Zadek nannte Schleefs Arbeiten "Faschismus- Scheiße". Schleef hat unsere Theaterwelt polarisiert, und jetzt, da kaum noch etwas von ihr übrig ist, steht Schleef da wie ein Sieger wider Willen. Ein Dinosaurier des Theaters, nicht zu designen.

Einar Schleef. Take me or leave me.

Auf seinen Photos: blattlose Baumgerippe, die den Blick versperren.

Bilder, wie überwuchert von kahlem Geäst. Schneeflecken mitten im Dreck machen die Landschaft kaum heller. Zwischen einstöckigen Hausruinen verlaufen Straßen aus Pflastersteinen, "Knüppeldämme", und Menschen scheinen in dieser Gegend die Ausnahme zu sein.

Wenn sie trotzdem auftauchen, tragen sie Arbeitskleidung oder sind winterlich vermummt. Das Wetter ist zum Davonlaufen schlecht: "Rägen hört nich uff." Das war sein "Zuhause". Das Motto dieses Bildbandes: "Nie mehr zurück, das verwinden, fliehen, bis man ein eigenes Zuhause hat, was einen erstickt und auffrißt." Genauso wie Sangerhausen.