Washington

Sie ist klein, aber trotzdem ragt sie heraus auf dem Podium, auf dem sich illustre Vertreter der politischen Elite Amerikas versammelt haben. Harvard feiert den diesjährigen Semesterabschluß, die ehemaligen Studenten sind zahlreich wie nie erschienen, denn sie wollen sie selber einmal erleben, die Außenministerin Madeleine Albright. Und die Meßlatte für ihren Auftritt könnte nicht höher liegen, es jährte sich die Rede von George Marshall. Vor fünfzig Jahren hatte er auf diesem Podium die Grundlagen für die Nachkriegsordnung formuliert. Jetzt wird von der ersten Frau im State Department erwartet, daß sie darlegt, wie die Welt in der Zeit nach dem Kalten Krieg geordnet werden soll.

Als sie vor einem halben Jahr von Präsident Clinton ernannt wurde, schüttelten die alten Strategen im außenpolitischen Establishment die Köpfe.

Sie war doch nur Botschafterin bei den Vereinten Nationen. Butros Butros-Ghali mochte sie ja abserviert haben, und ein freches Mundwerk hat sie auch, aber diplomatischen Takt? In Washington fühlen sich viele zum Außenminister berufen, und etliche, die es nun nicht geworden waren, verbreiteten diskret, daß Madeleine Albright eigentlich nur auf der Frauenschiene ins Amt gefahren sei, daß es ihr an geopolitischer Weitsicht aber wohl doch fehle.

Nun aber jubelten die Ehemaligen in Harvard ihr zu. "Was für eine Frau!"

staunten vorbehaltlos ehemalige Botschafter und noch amtierende Senatoren.

Sie skizzierte, wie das Werk vollendet werden soll, das hier vor fünfzig Jahren begonnen wurde. Auch das 21. Jahrhundert soll ein amerikanisches werden. Die Rede von George Marshall wurde seinerzeit von kaum einer Zeitung beachtet. Erst später merkten die Journalisten, daß der Außenminister Bedeutendes gesagt hatte. Diesmal rissen sich die Journalisten um Albrights Text. Inzwischen ist sie der Liebling der amerikanischen Medien geworden, ja sie betreiben fast ein bißchen Personenkult mit ihr: Man freut sich eben, endlich wieder jemanden zu haben, den man für fähig hält, Geschichte zu schreiben. Und Bill Clinton, das ist nach sechs Monaten unbestritten, hätte keine bessere Wahl treffen können. Kürzlich wurde - durchaus anerkennend - gewitzelt, er wolle sich zum König der Nato ausrufen lassen. Nun, wenn ihn jemand krönen kann, dann diese Frau.