Den mächtigen Tintenfisch treibt scheinbar die Sehnsucht. Einen Arm nach dem andern, so zieht er sich aus dem Wasserbecken, dann folgt der Kopf und schließlich der Körper. Mühsam kriecht er zum Schiffsheck, von wo er endlich in die Fluten des Ozeans plumpst. "Wir lassen es geschehen", berichtet die Stimme aus dem Off: "Ein wenig hatten wir ein schlechtes Gewissen, ein großes Tier, geschaffen für die Freiheit, gefangenzuhalten. Es verdient unseren Respekt." Dann folgt der Abspann.

Das Schiff, von dem sich der Tintenfisch befreite, heißt Calypso. Die rührende Szene war der Höhepunkt einer Folge von Jacques Cousteaus Expeditionsfilmen. Anstößiger als die zeitweilige Gefangennahme des Tieres zwecks Beobachtung ist freilich, daß seine fernsehgerechte Flucht alles andere als natürlich erfolgte. "Wir halfen ihm ein wenig nach", gestand Cousteaus ehemalige rechte Hand, André Laban, dem französischen Journalisten Bernard Violet, "indem wir ihm eine Dosis Chlorax spritzten." Wenn man Filme drehe wie im Labor, sei das bloß für Fachleute interessant. "Fürs breite Publikum braucht es", so Laban, "Spannung, Gefühl, kranke Tiere, leidende Tiere." Jacques Cousteau nahm den Vorfall wenig ernst: Das Mittel werde auch von Meeresforschern in Seattle verwendet, um Tiere aus ihren Löchern hervorzuholen.

Doch weder die Cousteau-Biographie von Bernard Violet, in der solche Geschichten erzählt werden, noch zwei hart mit dem Meeresforscher ins Gericht gehende Werke von amerikanischen Autoren (Axel Madsen: "Cousteau - die inoffizielle Biographie", und Richard Munson: "Cousteau - der Kapitän und seine Welt") entzauberten das Bild des Calypso-Chefs: Wenige Wochen vor seinem Tod bezeichneten ihn seine Landsleute als den geachtetsten Franzosen.

Damit hatte der jetzt im Alter von 87 Jahren gestorbene Cousteau sogar den Obdachlosenpfarrer Abbé Pierre überflügelt, der sich im vorigen Jahr mit netten Worten für einen rechtsextremen Freund und dessen Thesen keinen Gefallen tat. Cousteau führte überdies die Hitliste des amerikanischen Hausfrauenmagazins Good Housekeeping an. "Er ist mein Held, ein Mann, der mehr Macht hat als mancher Stabschef!" So stellte ihn 1992 Maurice Strong, Vorsitzender des UN-Umweltgipfels, in Rio vor. Die aristokratisch hohe und schlanke Gestalt des Meeresforschers mit der roten Wollmütze ist nun endgültig unangreifbar.

"Captain Planet", wie viele ihn nannten, galt als "großer Kommunikator", vor allem aber als "glänzender Vereinfacher". Das "Vulgarisieren", also Allgemeinverständlichmachen komplizierter Sachverhalte, wird in Frankreich - anders als in der rigiden deutschen Forscherszene - nicht als anstößig, sondern als verdienstvoll betrachtet. Sieben Jahre lang gehörte Cousteau zu den "Unsterblichen" der Académie française. Dabei war Jacques Cousteau gar kein Wissenschaftler, was er selbst auch nie behauptete. Weil er aber der Unterwasserforschung in den Augen der Öffentlichkeit zum Durchbruch verhalf, hatte er in Forscherkreisen viele Neider.

Früh zog es den kränklichen Sohn einer Familie von Notabeln aus der für ihren Wein bekannten Saint-Emilion-Gegend ans Meer. "Ich liebe es, das Wasser zu berühren, körperlich, sinnlich", sagte er einmal. Als Jugendlicher experimentierte er mit einer Pathé-Baby-Kamera und bastelte simple Geräte zum Atmen unter Wasser: "Die beste Weise, Fische zu beobachten, besteht darin, selber zum Fisch zu werden." Was lag mit seiner Wasser- und Tauchleidenschaft näher, als bei der Marine anzuheuern? Dort galt der junge Jacques, der sich nun Jacques-Yves nannte, als ernsthaft, seriös und kompetent, aber ebenso als selbstbewußt, ja selbstverliebt. Für einen Spionageauftrag gegen die italienische Marine, den er selber als Abenteuer verstand, wurde er nach dem Zweiten Weltkrieg in die Ehrenlegion aufgenommen.

Mit den beiden großen Büchern und Filmen "Welt der Stille" und "Welt ohne Sonne" wird Cousteau zuerst in Frankreich, bald auch in Amerika eine Berühmtheit. Heute laufen seine Fernsehfilme in über hundert Ländern und erreichen weitaus mehr Publikum als Seifenopern wie "Dallas". Cousteau dürfte der weltweit bekannteste Franzose sein, lange vor Brigitte Bardot und Gérard Depardieu.