Hongkong So facettenreich kann Politik in China sein: Abgeordnete, die gerade von der neuen Macht vor die Tür gesetzt worden sind, rufen vom Balkon des Hongkonger Parlaments: "Lang lebe die Demokratie" im Pekinger Arbeiterstadion stimmt der Parteiführer ein Lied auf das Mutterland an hunderttausend ausgewählte Bürger versammeln sich auf dem wichtigsten öffentlichen Platz des Landes. Bei den bombastischen Feierlichkeiten zur Rückgabe Hongkongs an die Volksrepublik ereigneten sich in der Nacht zum 1. Juli im neuen, wiedervereinigten China gleich drei wichtige Dinge: In Peking organisierte die Kommunistische Partei mit Hilfe modernster Multimediatechnik eine gigantische Jubelfeier. In Großstädten kam es in dieser Nacht und am Tag zuvor erstmals seit den Studentenprotesten von 1989 zu spontanen Massenversammlungen. In Hongkong hingegen, wo die Mehrheit der Bevölkerung kaum Anteil an den Feierlichkeiten nahm, formierte sich eine Protestbewegung: Zwei Dutzend Parlamentarier des bisherigen Legislativrats weigerten sich, das von Peking eingesetzte provisorische Parlament zu akzeptieren, und riefen zum demokratischen Widerstand auf.

Von weitem mochten die Ereignisse nur als ein harmloses Medienspektakel erscheinen: zeitgleich live vom Hongkonger Hafen und vom Platz des Himmlischen Friedens in Peking übertragen - die zweite große Koproduktion zwischen CNN und dem chinesischen Staatsfernsehen nach den Trauerfeiern für Deng Xiaoping. Doch schon auf dem Tiananmen-Platz geschah mehr. Einen Tag vor der großen Fernsehshow besetzten eine halbe Million Pekinger - unangekündigt und trotz Warnungen der Polizei - beim sonntäglichen Spaziergang den festlich geschmückten Platz. Urplötzlich erlebte die Hauptstadt eine jener berüchtigten Situationen, in denen die Einwohner Pekings ahnten, daß sie auf der Straße keinem großen Widerstand begegnen würden. Fähnchenschwenkend, mit Großeltern und Kindern, wogte das Volk durch die Stadt.

Schon tags darauf zeigte die Kommunistische Partei, was sie gelernt hat.

Statt Soldaten und Panzern schickte sie Showstars und Popgrößen, statt Marschmusik gab es Folklore und Schlager. Nie zuvor bot die Partei dem Volk vor der Kulisse ihrer stalinistischen Großbauten so viel Buntes, Unterhaltsames, Bildschirmgerechtes - und das alles bei professioneller Kameraführung für zig Millionen Menschen, die vor ihren Fernsehapparaten saßen.

Die offiziellen Übergabezeremonien in Hongkong wirkten gegen den Trubel in Peking zeitweise wie ein Trauerfest. Chris Patten, der scheidende britische Gouverneur, weinte kameragerecht zum Abschied des Empire. Chinesische Polizisten spielten Dudelsackmusik. Zwischen den Wolkenkratzern umherirrende Demonstranten ärgerten die nach Mitternacht nicht mehr königliche Polizei.

Nicht einmal das diplomatische Debakel blieb aus: Der britische Premier Tony Blair und die amerikanische Außenministerin Madeleine Albright hatten ihre Teilnahme an der Vereidigung des demokratisch nicht legitimierten Provisorischen Legislativrats abgesagt. Bundesaußenminister Klaus Kinkel und andere erschienen trotzdem. Den Streit, ob China nun als weltpolitische Gegenmacht oder als wirtschaftlicher Partner zu behandeln sei, hätten die Beteiligten besser bei passenderer Gelegenheit ausgetragen. Der Hongkonger Bevölkerung gab die westliche Politik jedenfalls nur Rätsel auf.

Spannung aber kam nach Mitternacht am Dienstag auf, als der Führer der Demokratischen Partei Hongkongs, Martin Lee, unter den hellerleuchteten Balkonarkaden des neogotischen Parlamentsgebäudes erschien, in dem bisher der gewählte Legislativrat der Stadt getagt hatte. "An diesem Morgen rufe ich der ganzen Welt zu: In Hongkong ist die Flamme der Demokratie entbrannt", rief der respektierte Anwalt mit bebender Stimme den annähernd tausend Anhängern zu. "Wir kommen wieder", scholl es aus der Menge zurück.