In Oman am Persischen Golf war es. Auf dem Turm einer verfallenen Burg saßen, unbeweglich in der heißen Mittagssonne, zwei schwarze Vögel. Da rief es im breitesten Wienerisch aus einer Touristengruppe: "Schau mal, da hocken doch die Raben von Paul Flora." Die Vögel schraken auf und verschwanden im nahen Dattelhain.

Nicht nur die Raben des Tiroler Zeichners sind zu Klassikern geworden, er selbst ist längst der klassische Meister der Zeichenfeder. Wir verdanken ihm viel. Von 1957 bis 1971 prägte er unsere Zeitung mit seinen politischen Karikaturen. Von Innsbruck aus, wo er noch heute lebt, schickte er Woche für Woche in einem großen gelben Umschlag seine Blätter. Anregungen brauchte er nicht. Er entschied souverän, welches seine Themen waren.

"Ich bin ein Zeichner", so sagte er, "der in der Lage ist, Karikaturen anzufertigen." Es sind schließlich seine Zeichnungen, die die Zeiten überdauern werden, die verwurzelten Tiroler, seine Raben in allen Formationen, seine Könige und die korpulenten Damen oder die altösterreichischen Exzellenzen im Bordell. - Vor fünfzehn Jahren schrieb ihm Marion Dönhoff ins Stammbuch: "Was eigentlich läßt Floras Werk so einzig erscheinen? Ist es sein Strich? Gewiß, der hat nicht seinesgleichen. Aber wirklich einzigartig ist seine geistige Schau. Er kennt die schaurigen Abgründe der menschlichen Seele, die makabren Hintergründe gesellschaftlicher Unzulänglichkeit und bürgerlicher Versuchung: Neid, Intrigen, Ehrgeiz, Rechthaberei - aber er betrachtet dieses Gerangel, Geschubse, Geschiebe aus souveräner Distanz mit einer Mischung aus belustigtem Verständnis und boshaftem Humor."

Am vergangenen Sonntag wurde Paul Flora 75. Wir gratulieren unserem guten Freund.