Der Freispruch des Libanesen Safwan Eid vom Vorwurf der schweren Brandstiftung in einem Lübecker Asylbewerber-Heim war seit ein paar Wochen abzusehen. Das Gericht hatte ihn angekündigt, der Ankläger ihn am Ende selbst gefordert: Die Beweise für eine Tatschuld des Angeklagten reichten auch nach neun Monaten Hauptverhandlung nicht aus. Damit bleiben der Tod von zehn Brandopfern und die Verletzung von 32 weiteren Heimbewohnern fürs erste und vielleicht für immer ungesühnt.

Das ist ein höchst unbefriedigendes Ergebnis der Suche nach Wahrheit. Denn als sicher darf gelten, daß der Brand nicht durch Leichtsinn oder technische Mängel entstanden ist, sondern gelegt wurde. Der jetzt freigesprochene Angeklagte kann der Täter, aber er muß es nicht gewesen sein. Von anderen fehlen Spuren, die sich zu einem hinreichenden Verdacht hätten verdichten lassen, so meint jedenfalls die Staatsanwaltschaft. Freilich: Sie wäre sich bei nachhaltigem Zielwechsel - anstelle eines Asylbewerbers vier Rechtsradikale auf der Anklagebank - selbst in die Parade gefahren. Das rechtfertigt indes nicht den von der Verteidigerin erhobenen Vorwurf gegenüber dem Anklagevertreter, er habe Safwan Eid einen politischen Prozeß machen oder ihn gar aus rassistischen Motiven auf die Anklagebank zwingen wollen. Jüngere Strafverteidiger aus der alten Bundesrepublik wissen aus eigener Kenntnis überhaupt nicht, was ein politischer Prozeß ist in der ehemaligen DDR waren sie ja nicht zugelassen. Um so leichter geht einigen von ihnen offenbar das Schimpfwort von der Zunge, und um so schwerer tun sie sich mit ihrem Maulheldentum als Organ der Rechtspflege in einem Rechtsstaat.

Die Wahrheit ist wohl: Das Verfahren gegen Safwan Eid hat von Anbeginn unter Ermittlungsmängeln gelitten, die der Lübecker Polizei anzulasten sind. Wie konnte es geschehen, daß wichtige Beweismittel auf dem Transportweg verschwanden, mögliche Tatspuren nicht gesichert wurden? Gewiß - die Staatsanwaltschaft ist von Anbeginn die Herrin des Ermittlungsverfahrens.

Aber sie kann nicht hinter jedem Kriminalbeamten stehen. Dies macht verständlich, daß der Ankläger schließlich sich selbst widersprechen mußte.

Strafverfahren mit zunächst diffuser und schließlich unklar bleibender Beweislage sind vor unseren Gerichten nicht der Normalfall, aber auch keine seltene Ausnahme. Wenn in solchen Verfahren bei äußerster Beweisstrenge (mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit war er der Täter) kein Schuldspruch gelingen kann, muß freigesprochen werden. Die unauffindbare Wahrheit geht dabei verloren, die Gerechtigkeit nicht. Das wußten schon die alten Römer, als sie den in unsere Rechtsgeschichte eingegangenen Satz prägten: "In dubio pro reo" - im Zweifel für den Angeklagten.

Der Gedanke, daß besser zehn Schuldige freigelassen werden, denn daß ein Unschuldiger verurteilt würde, ist im übrigen eine kulturelle, keine demokratische Errungenschaft. Dennoch verkünden auch unsere Strafgerichte ihre Verdikte ebenso wir ihre Kapitulationen "im Namen des Volkes". Sie vollbringen damit, genaugenommen, wohlmeinenden Etikettenschwindel.

In Wirklichkeit ist die Rechtsprechung in Deutschland Berufsrichtern anvertraut. Sie werden nicht gewählt, sondern ernannt. Zur Wahl stehen nur die von der Volksvertretung zu beschließenden Gesetze. Das ist gut so. Ein vom Recht gebotener Freispruch fällt einem am Recht geübten und vom Tag seiner Ernennung an unabhängigen Richter leichter, ein von der vox populi verlangtes Strafurteil womöglich schwerer als dem Volk, wenn es noch eine Gerichtsmehrheit von Geschworenen gäbe. Das Lübecker Urteil ist ein gutes Urteil. Auch wenn es in der Stadt jetzt aufs neue brennt.