Warschau Die Zeiten ändern sich doch. Was für Rußland gut ist, muß für Polen nicht schlecht sein. Die alte Gleichung kann aufgehoben werden. Und die Nato wird dabei, wenn alles gutgeht, maßgeblich helfen. Die Unterzeichnung der Grundakte mit Rußland war ein Schritt in diese Richtung.

Beide Seiten, Moskau und die Allianz, sind mit der Ende Mai in Paris unterzeichneten Vereinbarung zufrieden. Die mitteleuropäischen Beitrittskandidaten können sich als der (noch nicht) aufgenommene, aber zuversichtliche Dritte fühlen. Sie können kein Interesse daran haben, die westlichen Partner vor die Wahl "Wir oder die Russen" zu stellen. Das wäre inhaltlich falsch und taktisch unklug. Es ist eine alte Lebensweisheit, daß man die Gefühle des Partners nicht unnötig auf die Probe stellen sollte.

Künftig werden es diejenigen schwerer haben, die prophezeiten, eine Aufnahme neuer Mitglieder in die Nato führe zwangsläufig in einen Konflikt mit Rußland. Aber auch diejenigen, die wegen der Öffnung ein schlechtes Gewissen hatten, können beruhigt sein. Die Politik der Nato-Öffnung ist politisch wohlbegründet und moralisch über jeden Zweifel erhaben. Dafür sprechen viele Argumente.

Erstens: Das Bündnis hat eine saubere Vergangenheit. Es hat sich im Kalten Krieg gut behauptet, und zwar nicht etwa deswegen, weil es dank militärischer Überlegenheit Kriege gewonnen hätte, sondern weil es eine überlegene Sache vertrat: das demokratische, freiheitliche Prinzip.

Zweitens: Volker Rühe, der mit seinem klaren sicherheitspolitischen Kurs nicht nur Sympathie bei Anhängern, sondern auch Respekt bei Gegnern erworben hat, konnte sich in einem nicht durchsetzen: Seine Anregung, von Öffnung und nicht von Erweiterung der Nato zu sprechen, fand wenig Resonanz. Dabei trifft Rühes semantische Korrektur den Kern des Problems - die Nato betreibt nicht etwa aus Machthunger eine Expansion nach Osten. Vielmehr öffnet sie sich und reagiert damit auf die Anforderungen, die von ihren östlichen Nachbarn an sie gerichtet werden. Sie hat sie dazu nicht einmal ermutigt, geschweige denn gedrängt oder gar gezwungen. Eher im Gegenteil: Sie hat viel getan, um den Enthusiasmus der Bewerber abzukühlen.

Drittens: Die Länder, die beitreten wollen, sind keine Abtrünnigen, welche die Schwäche ihrer Vormacht nutzen, um "auf die andere Seite" überzulaufen.

Es sind freie, mündige Völker, deren Wille respektiert werden muß. Der Kalte Krieg ist schließlich vorbei. Und wenn das so ist, dann kann es auch keine unüberschreitbare Demarkationslinie geben. Wer die Gefahr neuer Trennungslinien in Europa an die Wand malt, kann nicht vor der viel realeren Gefahr die Augen verschließen, daß die alte Trennungslinie sich verfestigt.