Freund und Feind sind sich über die Nato einig. Sie ist - oder war vielmehr - die erfolgreichste Militärallianz der Geschichte. Souverän hat sie die freie Welt gesichert und den Kalten Krieg gewonnen. Mit seinem Ende aber ist der Ernstfall für das Bündnis eingetreten: Frieden. Frieden zumindest zwischen den Staaten. Und für den erscheint Europa mit der Nato sichtbar schlechter gerüstet.

Davon wird offiziell wenig zu hören sein in den verständlichen Lobeshymnen, wenn Anfang nächster Woche beim Nato-Gipfel aller Voraussicht nach Polen, die Tschechische Republik und Ungarn in die höchste westliche Bündnis-Liga aufsteigen. Real aber werden in Madrid mit der Nato-Erweiterung erst einmal zwei neue Trennlinien durch Europa gezogen. Die eine verläuft im westlichen Lager, die andere teilt die östlichen Staaten.

Die Aufsteiger der ersten Runde - von insgesamt zwölf Bewerbern - werden Europas Einheit feiern und auf dem neuen Trikot künftig auch ihre Stabilität für westliche Investoren plakatieren. Die Abgeschlagenen auf den nächsten Plätzen - höchstwahrscheinlich Slowenien und Rumänien, die Balten ohnehin - werden im Jubel der anderen über das "zweite Jalta" klagen.

Das westeuropäische Lager fühlt sich schon jetzt auseinanderdividiert durch Amerikas neue "Hegemonie" (Frankreichs Premier Jospin). Neun der bisher sechzehn Nato-Mitglieder, die Slowenien und Rumänien aus guten Gründen schon in der ersten Runde dabeihaben wollten, sind konsterniert über Washingtons "Diktat" (Madeleine Albright: "Drei und keiner mehr"). Die durch die Öffnung bewirkte Spaltung der Allianz reicht aber auch über den Atlantik. Viele amerikanische Kenner der alten Nato zweifeln an deren neuer Rolle. Ehemalige Senatoren, Sicherheitsexperten und Diplomaten wie Paul Nitze, Sam Nunn und die früheren Moskau-Botschafter Hartman und Matlock beschreiben die Erweiterung des Bündnisses in einem offenen Brief an Präsident Clinton als "politischen Irrtum von historischem Ausmaß".

Nun ist es nur zu begreiflich, daß nach dem Fortfall der Bedrohung, die das Bündnis vier Jahrzehnte zusammenhielt, Differenzen an die Oberfläche kommen.

Zu fragen aber ist, ob durch die Erweiterung ein Schaden angerichtet wird, der den Westen noch teurer zu stehen kommt als der ohnehin schon kostspielige Leerlauf einer militärischen Friedenssicherung ohne Gegner. Nicht von ungefähr hatten Clinton wie Kohl anfangs durchaus nicht auf die Erweiterung gesetzt. Der Druck zur Öffnung kam aus vier Richtungen: Die Osteuropäer - wer verstünde sie nicht - wollten endlich aus Moskaus Schattenreich in die benachbarte Sicherheits- und Wohlstandsgemeinschaft. Auch Volker Rühe zog es westwärts Deutschland sollte nicht länger östlichster Frontstaat der Allianz sein. Die Nato-Bürokratie folgte ihrem Selbsterhaltungstrieb. Die Rüstungsindustrie setzte auf neue Märkte.

So wurden die hoffnungsvolle "Charta für ein neues Europa" von 1990 und die Weiterentwicklung des KSZE-Prozesses allmählich wieder vom klassischen Sicherheitsraster der militärischen Abwehrbereitschaft überdeckt. Doch kann das beste Bündnis nicht in innerem Frieden leben, wenn es den bösen Nachbarn nicht mehr gibt - und als starke feindliche Staatsmacht auch auf lange Sicht nicht mehr geben wird. Deshalb hebelt die Erweiterung der Nato in gewisser Weise ihre eigene Friedensbemühung aus. Für die Mittel- und Osteuropäer ist die Nato weiter eine antirussische Allianz. Sie wollen Moskau entkommen - koste es, was es wolle. Die Westeuropäer hingegen wollen Moskau einbinden - koste es, was es wolle.