Fünf Millionen Menschen haben vergangene Woche Breloers Film "Todesspiel" gesehen. Was haben Sie dabei empfunden?

Der Film hat die Erinnerung wiederbelebt. Nach zwanzig Jahren waren ja manche Details aus dem Gedächtnis verschwunden. Er hat mich auch in die Anspannung der damaligen Wochen zurückversetzt. Der Film hat übrigens meine Frau noch viel mehr aufgeregt als mich. Im Gegensatz zu manch anderem, was man vor zwanzig Jahren in den Zeitungen gelesen hat und jetzt lesen kann, ist der Film von einem ausgesprochenen Willen zur Objektivität geprägt und nicht zur Bestätigung vorgefaßter eigener Urteile. Das hat mir sehr gefallen.

Hat der Film Ihnen Neues gebracht? Haben Sie sich damals vorstellen können, wie es in dem sogenannten Volksgefängnis aussah, in dem Schleyer saß? Oder in Stammheim?

Die Zustände im Stammheimer Gefängnis habe ich mir allerdings nicht so vorgestellt, wie sie waren. Dieser angebliche Hochsicherheitstrakt muß ja eine eigenartige Mischung aus Wohnheim und Gefängnis gewesen sein - mit allem Komfort ausgestattet. Ich habe mich nachträglich hinsichtlich des Kontaktsperregesetzes und der Beeinträchtigung der Arbeit der Rechtsanwälte sehr legitimiert gefühlt. Wir wußten ja, nachdem sich Baader, Ensslin und Raspe im Stammheimer Gefängnis umgebracht hatten, daß sie Waffen besessen hatten. Und es ist klar, wer sie reingeschleppt hatte. Daß die nicht von Gefängniswärtern hineingetragen worden waren, das hat sich sicherlich auch ein halb gewendeter 68er-Radikalinski, der sich diesen Film ansah, vorstellen können.

Sie waren, nachdem Schleyer entführt worden war, von Anfang an unbeugsam. Als der Berliner CDU-Vorsitzende Peter Lorenz 1975 gekidnappt worden war, hatten Sie der Freipressung von fünf einsitzenden Terroristen noch zugestimmt. Was war im Fall Lorenz anders gewesen? Oder was hatte sich in den zwei Jahren dazwischen verändert?

Die Situation war nicht sehr viel anders. Es war der größte Fehler, den ich mir vorwerfe, daß ich bei der Lorenz-Entführung gegen meinen inneren Instinkt nachgegeben habe. Es lagen aber für mich damals besondere Umstände vor. Ich hatte eine Tropenkrankheit und mehr als vierzig Fieber. An dem entscheidenden Abend saßen im sogenannten Kanzlerbungalow verschiedene Politiker zusammen, unter anderen der Oppositionsführer, Helmut Kohl, auch Klaus Schütz, Berlins Regierender Bürgermeister. Ich lag also im Bett und wurde irgendwann im Laufe des Abends mit Spritzen künstlich vernehmungsfähig gemacht. Das Fieber wurde abgesenkt. Alle, die bei mir saßen, waren sich einig, daß sie austauschen wollten. Ich habe nicht dagegengeredet, sondern habe gesagt: Na gut, dann machen wir das so. Das werfe ich mir heute vor. Es war ein schwerer Fehler, denn es hat die Terroristen ermutigt, erneut Geiseln zu nehmen. Und außerdem haben die damaligen Lorenz-Geiselnehmer anschließend wieder gemordet.

Angesichts dieser Erfahrung stand Ihre Haltung im Fall Schleyer von vornherein fest?