Es gab eine Zeit, da versprach Amerikas Präsident Bill Clinton eine Politik , die "resolut darauf dringt, daß China wichtige Fortschritte bei der Einhaltung der Menschenrechte macht". Auch Clintons Außenministerin Madeleine Albright gelobte noch Anfang dieses Jahres, in Sachen Menschenrechte "die Dinge beim Namen zu nennen". Einmal jährlich veröffentlichte die Regierung in Washington zudem einen umfangreichen Report über Willkür, Mord und politische Unterdrückung - einen Katalog der Klagen aus den Folterkammern der Welt.

Nur selten sind die hehren Worte und Analysen allerdings das Papier wert, auf dem sie gedruckt werden. Vergangene Woche stimmte das amerikanische Repräsentantenhaus mit großer Mehrheit dafür, China auch für ein weiteres Jahr den Status der Meistbegünstigung (MFN) zu gewähren, der Exporte aus der Volksrepublik praktisch denen aus Mitgliedstaaten der Welthandelsorganisation gleichstellt. Das von Kritikern der chinesischen Kommunisten geforderte Junktim zwischen der Einhaltung der Menschenrechte einerseits und einem freien Zugang zum amerikanischen Markt andererseits wurde wieder einmal abgeschmettert - ganz im Sinne des Präsidenten und seiner Außenministerin, die sich vehement für die Fortsetzung der Meistbegünstigung eingesetzt hatten.

Pragmatismus ist nicht unbedingt ein neuer Zug in der amerikanischen Außenpolitik. Selten zuvor, klagen Menschenrechtsgruppen und Bürgerrechtler, sei aber der Abstand zwischen bitterer Realität und gefälliger Rhetorik größer gewesen als unter Clinton. Längst ist Amerikas Menschenrechtspolitik zu einem Ritual verkommen, in dem über Repression und Terror geredet wird, wirtschaftliche und strategische Interessen aber dominieren. "Handel übertrumpft Folter fast jedesmal", sagt William Schultz, der Amerika-Chef von amnesty international.

China ist dafür nur das augenfälligste Beispiel. Anfang 1996 strafte Washington zwar das Regime in Birma mit einem Investitionsstopp ab - ließ jedoch die menschenverachtenden Herrscher in Nigeria mit einem kleinen Klaps auf die Finger davonkommen. Beide Nationen machen in der Unterdrückung ihrer Bürger keine großen Unterschiede in beiden Staaten sind Folter und Willkür an der Tagesordnung. Aber Nigeria verfügt eben über große Ölreserven und gehört zu den wirtschaftlich und strategisch wichtigsten Ländern auf dem afrikanischen Kontinent. Birma dagegen ist nur ein Klecks auf der asiatischen Landkarte.

Der Kommerz regiert: Zu den Zeiten des Kalten Krieges war es noch der Antikommunismus einzelner Länder, der Amerika die beste Entschuldigung bot, über Menschenrechtsverletzungen hinwegzusehen und rechten Diktatoren von Nicaragua bis Zaire die Hand zu reichen. Heute geht es vornehmlich um Geschäfte. Die Sorge um Handel, Investitionen und Arbeitsplätze im eigenen Land steht auch in Washington an der Spitze der Tagesordnung - nicht aber die Fürsorge für politische Gefangene und Folteropfer.

Dazu herrscht auch in Amerika die Auffassung vor, daß Nähe auf Dauer Wandel schafft. Die Entwicklung der Wirtschaft und der internationale Handel sollen - gleichermaßen zwangsläufig und unumgänglich - auch zu politischer Liberalisierung führen Korea und Taiwan gelten dabei als die besten Beispiele. Für die Volksrepublik China erwartet der Politologe Henry Rowen die demokratische Öffnung für das Jahr 2015, dann nämlich, wenn das chinesische Volkseinkommen bei rund 7000 Dollar pro Kopf und Jahr liegen dürfte. Mitte des nächsten Jahrhunderts werde China dann nicht nur die größte Ökonomie, sondern auch die größte Demokratie der Welt sein, glaubt der Professor.

Wer so denkt, hält westliche Geschäftsleute natürlich auch für die Sendboten von Frieden und Demokratie. "Früher konnten peace-keeper durch ihre blauen Helme und ihre leichte Bewaffnung identifiziert werden", sagte der einstige Vordenker der amerikanischen Handelspolitik und heutige Dekan an der Yale-Universität, Jeffrey Garten, einmal, "heute kann man sie im blauen Anzug und mit einem Laptop finden." Weder Garten noch andere Apologeten der "Demokratisierung durch Wachstum" scheinen dabei mehr als nur flüchtige Gedanken darauf zu verschwenden, daß Geschichte manchmal alles andere als zwangsläufig verläuft. Handel galt im Europa der Jahrhundertwende als wirkungsvolle Versicherung gegen alle bewaffneten Konflikte, der Erste Weltkrieg kam dann trotzdem.