Wolkenkratzer sind nichts Neues für Shanghai. Errichtet im Art-déco-Stil während der ersten Jahrhunderthälfte, überragen sie Shanghais altes Finanzviertel Puxi auf der rechten Seite des Hwangpu-Flusses. Den Kunstvernarrten gelten die Hochhäuser von damals als Denkmäler. So finden heute Chinas größte Kunstauktionen in Puxi statt.

Manchmal sind Kunstpreise aussagekräftiger als Aktienpreise. Das gilt allemal für ein Shanghai, in dem Galerien freier als Wertpapierhäuser operieren.

Deshalb war der Andrang der Neureichen und Firmenvertreter groß, als die renommierte Shanghai International Auction Corporation zur letzten großen Auktion vor der Rückgabe Hongkongs an China lud: einer Teekannenversteigerung.

Mit steifer Würde verteilte eine ältere Dame im rosa Bikinikleid das Auktionsprogramm. Von dem Hauptversteigerungsstück - eine sechzig Zentimeter hohe Tonkanne, die der kalligraphisch umgesetzte Hongkong-Slogan "Stabiler Übergang" dekoriert - gibt es zwei Ausführungen. Das erste Modell wurde vor wenigen Tagen für annähernd 10 000 Mark in Hongkong versteigert. Das zugeschaltete Fernsehpublikum wollte hier nun wissen: Bietet Shanghai mehr?

Die Frage beschäftigte nicht nur Teekannenliebhaber. Finanz- und Industriemanager aus aller Welt interessiert, was Shanghai außer Art-déco-Architektur, kulturellem Flair und einer dramatischen Geschichte mehr zu bieten hat als Hongkong. Besonders im internationalen Bankgeschäft gilt: Jede in Hongkong investierte Mark ist für Shanghai verloren und umgekehrt. Doch besonders ausländischem Kapital fällt die Entscheidung für Shanghai schwer.

Shanghai ist für westliche Verhältnisse immer noch keine reiche Stadt. Was in Hongkong Lebendigkeit ausstrahlt, die kleinen Märkte und Basare, wirkt in Shanghai arm und unterentwickelt. Nur die Hochhausfassaden ähneln sich bereits. "Von dem, was wir unter Lebensqualität verstehen, ist wenig da", gesteht Adolf Schittenhelm, Filialleiter der Commerzbank in Shanghai. Sein englischer Kollege Richard Gramm, Leiter des holländischen Wertpapierhauses ING Barings in Shanghai, urteilt harsch: "Der Hauptunterschied zwischen Hongkong und Shanghai liegt in der Mehrwertproduktion. Nicht viele Leute in Shanghai ahnen, daß Hongkong achtmal so viele Container und dreimal so viele Flugzeugpassagiere abfertigt."

Dennoch wagen auch Experten nicht zu prophezeien, welche der beiden Städte das Finanz- und Industriezentrum Chinas im 21. Jahrhundert sein wird. Denn nicht alles spricht gegen die Dreizehnmillionenstadt an der Jangtse-Mündung.