Er kennt bald jeden Goldfisch im Berliner Weinbergpark. Das bleibt nicht aus, wenn man stundenlang aufs Wasser starrt. Ein Tag gerinnt zur klebrigen Masse Zeit für einen, der nichts zu tun hat. Vor drei Jahren war er nochsSchichtleiter, 23 Jahre in demselben Betrieb, hat immer gutes Geld verdient. Nun also: jeden Morgen Parkbank, Goldfische, und das mit 44. Nein, sein Name tut nichts zur Sache, warum sollte er ihn nennen? So wie er sitzen ja viele hier und verwandeln Berlins Grünanlagen in eine surreale Kulisse: Es sind Männer mittleren Alters, sie sitzen, ordentlich gekleidet und jeder für sich allein, auf einer Parkbank. Sie starren wortlos in die Luft, warten auf irgend etwas, was aber nicht kommt. Vielleicht schaut wenigstens ein früherer Arbeitskollege vorbei. Dem könnte man zu Hause beim Tapezieren helfen. Das frißt Zeit und bringt ein Mittagessen.

Wenige Ecken weiter, an der Friedrichstraße, ist Zeit ein so knappes Gut, daß die Restaurants Menüs "für den schnellen Gast" eingeführt haben. Die schnellen Gäste tragen hellblaue Hemden unter dunklen Sakkos und legen beim Arbeitsessen das Handy neben die Gabel. Sie sprechen von "Steuerberatern" und "Immobilien". Immobilien mit "ganzflächig verglaster Lobby" etwa, mit "Wandelementen aus Terrakotta" und "Gegensprechanlage mit Videomonitor für jede Wohnung". So wie in den Eigentumswohnungen des debis-Hauses am Potsdamer Platz. Sie sind noch längst nicht fertiggebaut, aber schon zu siebzig Prozent verkauft, Preis pro Quadratmeter 7000 bis 11 000 Mark.

"In Berlin", so hat Bundespräsident Roman Herzog in seiner vielgelobten "Berliner Rede" im Hotel "Adlon" geschwärmt, "wird Zukunft gestaltet."

Nirgendwo anders sei derart zu spüren, daß wir "einen neuen Aufbruch schaffen". - "Aufbruch"? Das Wort steht in merkwürdigem Kontrast zum Alltag vieler Berliner. Sieben Jahre nach der Vereinigung und zwei Jahre vor dem Umzug der Regierung muß die Stadt vor allem Umbrüche verkraften, so abrupte und so viele, daß ihre Bewohner - in Ost und West gleichermaßen - sie oft nur mühsam ertragen. Auf engstem Raum und im Zeitraffertempo entwickeln sich auseinanderdriftende Lebenswelten. Sich darin zurechtzufinden reibt auf, macht mürbe und auch aggressiv. Das kann man als Inselmentalität belächeln, als Besitzstandsdenken oder Provinzialität. Doch Häme lindert die Strapazen eines Dauerspagats nicht.

Berlin ist auch "schräg", "bunt" und "wahnsinnig spannend" - kein Tag ohne ein Kulturspekatakel, kein Abend ohne "Event". Potsdamer Platz und Regierungsviertel, Off-Kultur in Mitte und Kneipenszene am Prenzlauer Berg: Dort spielt das glamouröse Leben. Doch geprägt wird Berlin auch durch etwas gänzlich anderes - und das hat mit dem Ruhrgebiet zu tun.

Ruhrgebiet? Ein absurder Vergleich, wo in Berlin kein einziger Hochofen steht. Und doch fällt Kennern der Stadt nur diese Parallele ein. In zwei Jahren werden die Bonner Abgeordneten in einem Berlin ankommen, das mit einer schweren wirtschaftlichen und sozialen Strukturkrise ringt.

"Was im Ruhrgebiet über einen Zeitraum von fünfzehn, zwanzig Jahren geschehen ist, läuft hier in fünf bis sechs Jahren", beobachtet Lothar Mahnke, Berlin-Experte des Beratungsinstituts Prognos. Mahnke kennt keine westeuropäische Metropole, die einen ähnlich abrupten Strukturwandel vollziehen muß. "Das ist beispiellos in Europa, und es wird spannend, wie Berlin damit fertig wird. Das wird ein Laborversuch für die übrige Gesellschaft der Bundesrepublik."