Der Held in Edward Bulwer-Lyttons Roman "Pelham" trägt immer ein besonders kleines Eßbesteck bei sich. Wenn er irgendwo eingeladen ist oder in einem Restaurant speist, kann er damit langsamer essen. Das Tempo der Nahrungsaufnahme mit normalen Löffeln und Gabeln würde seine Genußfähigkeit mindern.

Hat Genuß etwas mit Langsamkeit zu tun? Sollten wir den Wein aus Fingerhüten trinken? Die Frage ist von Belang, wenn wir annehmen, daß zu einem guten, erfüllten Leben der Genuß gehört. Religionsgründer und Philosophen haben diese freundliche Hypothese oft bestritten und uns die Enthaltsamkeit nahegelegt, nicht selten mit dem pädagogischen Hinweis, die Vermeidung des Genusses bedeute auch die Vermeidung seiner Nebenwirkungen. Den Genuß ohne Reue aber verspricht uns die Werbung. Daß sie oft lügt, bedeutet nicht, daß sie immer lügt. Vielleicht gibt es diesen Genuß wirklich. Insgeheim glaubt das fast jeder, wenngleich keiner das Rezept genau kennt.

Pelhams Rezept war die Langsamkeit. Es ist wahr, daß man das Werk eines Kochkünstlers nur schmecken kann, wenn man es nicht hinunterschlingt. Die Entfaltung des Geschmacks bedarf seiner Zeit. Das gilt offenbar für alle leiblichen Genüsse, auch für den Wein und den Tabak. Insofern wäre die Zigarette eine beklagenswerte Schwundform des Rauchens, denn ihr Geschmack ist schwach und ihr Konsum mit Eile verbunden. Gleichwohl hat Oscar Wilde, der von diesen Dingen etwas verstand, über die Zigarette bemerkt, sie sei der vollendete Genuß: Sie schmecke und lasse einen unbefriedigt.

Der Gedanke, daß der Genuß dann am höchsten sei, wenn seine Erfüllung versagt bleibt, ist weniger befremdlich, als er sich anhört. Fernöstliche Liebestechniken trachten danach, das eigentliche Ziel der Übung, nämlich die Erfüllung im Orgasmus, möglichst lange hinauszuzögern oder ganz zu vermeiden.

Die Dialektik besteht darin, daß ohne die Verheißung des Orgasmus das Spiel keinen Reiz hätte, daß aber das Spiel, sobald er eingetreten ist, sein Ende findet. Post coitum omne animal triste.

Gegen diesen betrüblichen Sachverhalt hat die Pornographie immer opponiert - mit der Utopie des unendlichen Orgasmus. Daß ihre Helden, und vor allem die Heldinnen, immerzu Lust haben und daß der Orgasmus nie zur endlichen Befriedigung führt, sondern zur unermüdlichen Variation, Steigerung, Überbietung desselben Vorgangs, dies ist der eigentliche pornographische Impuls.

Ähnlich verhält es sich mit der Utopie des unendlichen Fressens. Petronius Arbiter schildert im "Gastmahl des Trimalchio" ein monströses Gelage, dessen Teilnehmer sich in Abständen zum Erbrechen bringen, damit ihr Magen die Fülle der gastronomischen Genüsse aufnehmen kann. Immerzu essen zu können, ohne daß jemals die finale Sattheit einträte, ist die gastronomische Pornographie.