Manchmal wünscht sich Ma Shimin, daß seine Landsleute etwas amerikanischer wären: "Chinesen sind wie ein Teller Sand, jeder ein Körnchen für sich. Sie zu einer gemeinsamen Aktion zu bewegen: hoffnungslos." Die Kerzenandacht war für acht Uhr angesetzt, aber um halb neun wird gerade erst die Sprechanlage zusammengesetzt. Die Chinese community von New York will an die Zerschlagung der Demokratiebewegung auf dem Platz des Himmlischen Friedens erinnern - und hat sich dafür, wer weiß, warum, die kleine Insel auf dem Times Square ausgesucht, die in den Lichtgewittern des Broadway und den Wogen des Abendverkehrs fast verschluckt wird.

Der Physiker Ma hatte lange nichts mit der Politik seiner Heimat im Sinn. Vor fast vierzig Jahren aus Shanghai ausgewandert, hat er Karriere gemacht und ist inzwischen Bürger der Vereinigten Staaten. Aber China holte ihn mit einem Ruck ein, als er am 4. Juni 1989 im Fernsehen die Panzerkolonnen über den Tiananmen-Platz rollen sah. Deshalb hat Ma die Sache der Exildemokraten zu der seinen gemacht deshalb ist er heute abend hier.

Während immer mehr Leute auf die Insel strömen, Tische aufbauen und Transparente entrollen, weist Ma auf einzelne Köpfe in der Menge. Ein Mittdreißiger mit akkuratem Haarschnitt und hochgeschlossener Windjacke, der an den Boxen hantiert: "Xiang Xiaoji. 1989 gehörte er zu dem Studentenkomitee, das den Dialog mit den Machthabern suchte. Jetzt wird er Anwalt." Ein alter Herr, Zigarette in der Hand, der das Treiben mit ironischem Blick betrachtet: "Liu Binyan. Schriftsteller und Starreporter der Pekinger Volkszeitung, seit 1988 hier. Er gibt eine Exilzeitschrift heraus."

Mas Blick wandert, bleibt haften, verdunkelt sich. Da, der junge Mann im zerknitterten Cordanzug, stämmig und doch merkwürdig zerbrechlich. "Liu Gang.

Studentenführer, dritter auf der Meistgesuchten-Liste. Zwei Jahre Gefängnis, dann vier im Arbeitslager. Gefoltert wurde er angeblich auch. Er ist erst letztes Jahr freigekommen."

Dann ist es soweit. Xiang Xiaoji spricht kurz, andere folgen. Dicht an dicht stehen die Zuhörer, Kerzen in der Hand, viele untergehakt, die Gesichter ernst im flackernden Widerschein der turmhohen Leuchtreklamen. Dreihundert sind es, vielleicht weniger, die hier die Erinnerung wachhalten: an Tote und Gefangene an Familie und Freunde, die nicht fliehen konnten. Und an den Traum vom selbstgewählten Leben im eigenen Land. Aber für viele hier gab es vor acht Jahren nur noch eine Wahl: das Exil.

Kurz nach zehn ist alles zu Ende, die Versammlung zerfließt grüppchenweise zwischen den dunklen Häuserfluchten. Bald ist die Insel leer wie zuvor.