Als die Geologen John B. Corliss und John M. Edmond 1977 in ihrem Unterseeboot den Grat des mittelozeanischen Rückens erreichten, fanden sie anstelle der erwarteten Basaltwüste einen üppigen Lebensraum vor, mit Muscheln, Krebsen, Seeanemonen und großen rosafarbenen Fischen. Zwei Jahre später erbrachte eine Tauchfahrt die nächste Sensationsmeldung: Am Grund der Tiefsee gibt es bis zu fünf Meter hohe Schlote, aus denen rauchfahnengleich bis zu 350 Grad heißes Wasser quillt. Diese Hydrothermalschlote markieren ein eigenes Ökosystem. 375 Tierarten entdeckten Wissenschaftler dort in Siedlungsdichten, die selbst in warmen Küstengewässern selten sind.

Meterlange Röhrenwürmer ragen vom Grund empor. Sie besitzen weder Maul, Magen noch Darm. Ihr größtes Organ ist ein sackartiger Bioreaktor, gefüllt mit Bakterien, die zur Energiegewinnung Schwefel oxidieren. Auch die großen weißen Muscheln leben in Symbiose mit solchen Schwefelbakterien, so daß vermutlich das gesamte Ökosystem unabhängig von pflanzlichem Plankton als Primärproduzent und Energielieferant bestehen kann.

Der Biochemiker Michael Groß hat ein kleines Kunststück vollbracht. Er behandelt das Thema der an extreme Bedingungen angepaßten Lebewesen im klaren Überblick und knüpft zugleich für das Verständnis wichtige Zusammenhänge ("Exzentriker des Lebens", Spektrum Akademischer Verlag, Heidelberg 1997, 302 S., 49,80 DM). Daß Groß ein erfahrener Forscher ist, zeigt die Klarheit, mit der er etwa Hitze- und Kälteschockproteine und neue Tricks aus der Reparaturwerkstatt der Zelle vorstellt. Er führt vor Augen, wie sogenannte Chaperone den Eiweißmolekülen helfen, die "richtige" Form anzunehmen und nicht mit Nachbarmolekülen in Wechselwirkung zu treten. Bei Hitzeeinwirkung und anderem Streß treten die Chaperone vermehrt in Aktion und stabilisieren die hochgradig von Denaturierung bedrohten Eiweißmoleküle. Gesondert vom Buchtext, sind Wissenschaftlerportraits sowie Kästchen über aktuelle molekularbiologische Forschungen eingestreut. Der Bogen des Textes ist weit gespannt: von den Grenzen des Lebens auf der Erde über Leben in brütender Hitze (Rekord 113 Grad), bei Minusgraden, in der Tiefsee, im Toten Meer und in Säuren bis hin zu den molekularen Überlebenshilfen in Extremlagen. Die Reise zu den Extremisten lohnt sich.