Doch, gewiß, alle lieben wir unsere kleinen alten Städte und die Altstädte in den großen, besonders dann, wenn das Schicksal sie vor den Bomben des Zweiten Weltkrieges und den Abrißbirnen des wüsten Wiederaufbaus bewahrt hatte und nichts anderes an ihnen nagt als die Zeit. Denn natürlich haben auch Gebäude ein Leben, das eines Tages zu Ende geht - etwas, das Alteingesessene nicht wahrhaben wollen. Manchmal treibt sie das Historienfieber dann so weit, daß sie Häuser aus dem Hut zaubern, die es Jahrzehnte nicht mehr gegeben hat. Das ist zwar ahistorisch, aber es streichelt das Gemüt und fördert den Tourismus.

Nun leben ja manche alten Städte tatsächlich von ihrem alten Bild.

Seinetwegen kommen die Leute herbeigereist. Und also setzen Bürger, Traditionsvereine, notgedrungen dann auch Kommunalpolitiker alles daran, niemanden mit moderner Architektur zu schrecken, denn die, sagt man, sei kalt, kahl und brutal. Diese Erfahrung haben selbst die drei alten Städte Bamberg, Lübeck und Regensburg machen müssen, als sie sich zusammentaten und gemeinsam einen Wettbewerb auslobten: um in jeder der drei Städte eine Baulücke mit ausdrücklich zeitgenössischer Architektur zu füllen. Mit welchem Vergnügen hatten die drei Oberbürgermeister den kühnen Entwürfen applaudiert - und mit welcher Betrübnis haben sie die Realität quittieren müssen: Bis heute, vier Jahre danach, ist nicht eines der drei Projekte gebaut worden, alle gescheitert an zaghaften Bauherren, an beharrungswütigen Bürgern.

Leute von gestern? Aber nicht doch: "Gestern" war es noch selbstverständlich, daß jede Epoche sich in ihrem Stil ausdrückte. Und stehen, vom Zufall der Zeiten aneinandergewirbelt, nicht überall Gotik und Klassizismus, Gründerzeit, Zwanziger-Jahre-Moderne und Barock einträchtig nebeneinander, diszipliniert nur durch das Maß der Parzelle? Jedes dieser Häuser demonstriert die Pflicht, Geschichte mit Gegenwart fortzusetzen.

Nun finden sich gottlob etliche alte Städte, die sich dieses Selbstbewußtsein dann und wann erlauben, so wie die Hansestadt Lemgo im sanft gehügelten Lippischen Land, die soeben dafür gepriesen worden ist: Sie wurde mit dem Ausloberpreis der Architektenkammer Nordrhein-Westfalens ausgezeichnet - nicht bloß für ihren Mut zur radikal zeitgenössischen Architektur, sondern für ihren außerordentlichen Qualitätsanspruch, dem zuliebe sie über ein Dutzend Wettbewerbe (so heißt die Fachvo kabel:) ausgelobt hat.

Damit hatte sie vor zwanzig Jahren ausgerechnet an ihrer empfindlichsten Stelle angefangen, gegenüber dem historischen Rathaus zwischen einem gotischen und einem Renaissancehaus: mit vier modernen Wohn- und Geschäftshäusern, für die der Architekt auch prompt einen Preis erhielt. So kam Lemgo zu seiner ungewöhnlich großen Zahl erstklassiger neuer Gebäude. Es gehen einem die Augen über vor diesen Wohn- und Gemeindehäusern, Kindergärten, Schulen, der Bücherei, dem Synagogen-Mahnmal, den Häusergruppen für alte Menschen.

Architektenwettbewerbe bereiteten vor allem Ärger und machten alles teuer? Unsinn. Wettbewerbe gäben keine Erfolgsgarantie?