Die Wurst war ausgezeichnet. Sie hätte Brecht geschmeckt, denn er war stets dafür, daß man im Theater nicht Illusionen, sondern Erfahrungen konsumiert. Sie brutzelte im Hof des BE, beduftete Ziegel und Feuerleiter, Beton und graues Fensterglas, dampfte in den schwitzenden Himmel und gab die Grundlage einer besonders langen Party: Dreizehn Fragmente Brechts kamen zur Uraufführung, aus 39 langen Jahren vom Zusammenbruch des Deutschen Kaiserreiches bis zu den ersten Jahren der DDR, vom bösen "Baal, dem Asozialen" bis "Rosa Luxemburg". Und der chinesische Weise war auch dabei.

Natürlich konnte man nicht alles sehen. Mehreres begann gleichzeitig, und wer im Photolabor mit seinen zwanzig Plätzen nicht Aufnahme fand, um den "Reisen des Glücksgotts (II)" in der Regie von Maxim Dessau zu folgen, der ging eben ins Große Haus, wo Carmen-Maja Antoni mit Kindern, ganz nach dem Willen des Meisters, die Szene "Der Ingwertopf" aus dem "Leben des Konfutse" nachstellte. Und erlebte einen kleingroßen Zauber.

Denn wirklich können nur Kinder so fugenlos das heitere Spiel mit allem nötigen Ernst verbinden und dieser halben Lehrstunde der Klugheit (Manieren bilden den inneren Menschen. Die Ausbeutung bleibt aber auch bestehen, wenn der Bauer mit Messer und Gabel ißt) das Säuerliche, Strenge und Gestelzte nehmen, das Schularbeiten sonst eigen ist. Die leichte, ironische Grazie, mit der die vier begabten Knaben die karge Bühne belebten, die Anmut ihrer Ernsthaftigkeit erwärmten in Minuten das Publikum, das hier zu seiner großen Freude sah, wie der tote Held des Hauses in aller Orthodoxie wieder zu pädagogischer Größe auferstand (und zwar in einer Form, die allen Schulen von Flensburg bis München bekömmlich und empfehlenswert wäre). Die Erleichterung war sehr spürbar und vielen sicher nötig.

Denn es sollte die einzige bleiben.

Fragmente Brechts: Hier hat man im Hause Suhrkamp mit philologischem Fleiß (und jenem Seitenblick auf die Rendite, den Klassiker immer gestatten) gar jeden Zettel um und um gedreht und jedes Sätzchen, das man entziffern konnte, treu der Bespielung übergeben - und wer könnte dafür geeigneter sein als das Berliner Ensemble, Werkpalast des größten Exportschlagers des deutschen realen Sozialismus, dem Meister getreu bis in den Tod (und lange darüber hinaus), gestählt durch Heiner Müllers Unspiel barkeiten, mit einem ans Durchhalten gewöhnten Publikum? Aber die Zeiten sind ja schon anders geworden, und der Versuch, die graue Dachpappe der Dialektik mit Fensterchen aus buntem Glanzpapier noch einmal durchscheinend zu machen, hat ein paar Jährchen gedauert. Kurz nun, bevor Claus Peymann noch die Erinnerung an das, was war, mit seinem kolonialen Können überspielt, übernimmt man den Abriß doch lieber selbst.

Mit einem Richtfest des Untergangs, in apokalyptischer Munterkeit.

So läßt man im Zelt die Blasmusik schallen, und Regisseur Armin Petras bringt mit seinem Einsatz der "Lichtenrader Dorfmusik als Polizeiorchester Berlin" (die durch ein Potpourri von der "Berliner Luft" bis zu Adelheids Gartenzwerg in einer kleinen Endlosschleife tönt) das Publikum in den derzeit gängigen Zwiespalt: Wer lacht hier über wen, oder macht man sich vielleicht gerade lächerlich, wenn man nicht lacht? Der Auftakt zu "Die Neandertaler" von 1927 blieb allerdings das Beste - es folgte ein langer Pennälerscherz mit Knallkörpern und Kokosnüssen in der Dramaturgie der Love Parade (und immer weiter, bis alle tot umfallen dürfen). Allerdings hat man lange nicht etwas so grausig Dilettantisches gesehen, etwas derart fröhlich Mißratenes, obszön Mißlungenes, grotesk Verwüstetes, monströs und knackig Quälendes! Und das ist immerhin bemerkenswert.