So kann man es auch sehen: "Man sollte sich auf diejenigen Aspekte der Mathematik konzentrieren, die nutzbringend einsetzbar sind. Wenn diese Wissenschaft überhaupt einen Wert hat, so doch nur den, daß sie die Verstandeskraft der jungen Leute ein wenig schärft." Welcher Bildungspolitiker hat da laut nachgedacht?

Das Zitat ist 2000 Jahre alt und stammt von Cicero. Ausgegraben hat es Joachim Hilgert. Der Mathematikprofessor an der TU Clausthal mußte sich immer wieder anhören, sein Fach solle sich den Problemen der Praxis stellen und nicht fortlaufend Theorien gebären, die niemand verstehe und brauche. Seine Frau, eine Lateinlehrerin, brachte ihn auf die Idee, in der Antike nachzuforschen. Ergebnis: Die alten Römer beschränkten die Mathematik, so wie es mancher Kritiker heute fordert, auf ihre praktischen Anwendungen und verhinderten dadurch im ganzen Abendland jeden Fortschritt dieser Wissenschaft - bis zum Beginn der Renaissance.

Die Römer hatten die Erziehungsideale der alten Griechen nur teilweise übernommen. Von der Mathematik, die bei den Hellenen höchstes Ansehen genoß, akzeptierten sie nur das, was sie umsetzen konnten. So bewunderten sie etwa die Wurfmaschinen und Hebelkräne des Archimedes. Alles andere sahen sie als Ballast an. "Soll ich am Staub der Geometrie hängen bleiben?" fragte etwa Seneca im ersten Jahrhundert nach Christus. "Habe ich mich schon so weit von der gesunden Maxime ,Gehe sparsam mit deiner Zeit um' entfernt? Das soll ich wissen? Und was soll ich dafür weglassen?"

Mathematiker wurden in Rom nicht ausgebildet. Waren die Römer mit ihrem Latein am Ende, griffen sie auf griechische Spezialisten zurück. So tüftelte auch Sosigenes aus Alexandria für Cäsar den Julianischen Kalender aus.

Griechische Fachliteratur zu übersetzen hielten die römischen Intellektuellen für unnötig. Sie tradierten nur die Handbücher, die im griechischen Sprachraum verbreitet waren. Diese Werke, deren Autoren meist Laien waren, faßten Erkenntnisse knapp und vereinfacht zusammen. Anspruchsvollere Arbeiten aus der späthellenistischen Periode indes, wie etwa Ptolemäus' "Syntaxis mathematike" über Astronomie, nahm Rom gar nicht wahr.

Auch Römer schrieben Handbücher: unkritisch gesammelte Fakten und Exzerpte aus ohnehin schon verkürzten griechischen Texten. Mathematik kam in ihnen kaum vor. Auf Begründungen oder gar Beweise legten die Schreiberlinge wenig Wert, sie beriefen sich lieber auf angesehene Gelehrte.

Die meisten römischen Verfasser, wie etwa Celsus und Plinius der Ältere, deren Schriften das Mittelalter prägten, zeigten sich unfähig, zwischen absurder Anekdote und brillanter Theorie zu unterscheiden. Als Beispiel für verhunzte Mathematik nennt Hilgert den Macrobius, dessen Texte aus dem 5.