Belgiens Premierminister Jean-Luc Dehaene hatte über seinen neuen Amtskollegen in Frankreich nichts Gutes zu sagen. Lionel Jospin habe "die Leute falsche Hoffnungen schöpfen lassen", giftete Dehaene. Für Karel Gacoms von der belgischen FGTB-Gewerkschaft ließ Jospin gar "eine einmalige Gelegenheit verstreichen, um zu beweisen, daß eine Linksregierung anders handeln kann als eine rechte Regierung".

Grund für die Vorwürfe ist das endgültige Aus des belgischen Renault-Werks in Vilvoorde bei Brüssel. Als die Schließungspläne Ende Februar erstmals bekanntgeworden waren, hatte der damalige Oppositionspolitiker Jospin Renault-Chef Louis Schweitzer eine "finanziell, industriell und sozial irrsinnige" Entscheidung vorgehalten. Gemeinsam mit den 3100 Vilvoorde-Arbeitern war der Sozialist in Brüssel gegen die Schließung auf die Straße gegangen. Bei Frankreichs Parlamentswahlen präsentierte sich Jospin als Verteidiger eines sozialen Europa, der "sagt, was er macht, und macht, was er sagt". Als Premierminister werde er für Vilvoorde "andere Maßnahmen in Betracht ziehen", so sein vollmundiges Versprechen.

Heute könnte Frankreichs neuer Regierungschef handeln. Der Staat hält 46 Prozent der Anteile an dem teilprivatisierten Autobauer. Dennoch machte Jospin schon kurz nach dem Wahlsieg der Linken einen Rückzieher. "Im Fall Vilvoorde entscheidet nicht die französische Regierung", erklärte er seinem perplexen belgischen Kollegen Dehaene. Der neue Premier wußte, daß die Finanzmärkte einen Staatseingriff in das börsennotierte Unternehmen als Bruch mit der Marktwirtschaft werten würden - Gift für Frankreichs schlappe Konjunktur. Jospin stahl sich mit einer unabhängigen Studie aus der Verantwortung. Danach kann Renault nur überleben, wenn es "seine Produktionsstätten neuorganisiert und eine davon schließt".

Nichts anderes sagte Schweitzer von Anfang an. Der früher als "staatliches Soziallabor" bekannte Autohersteller hat 1996 einen Verlust von 1,6 Milliarden Mark eingefahren. Ein Grund dafür ist die Zersplitterung der Produktion. Derzeit arbeiten die 140 000 Beschäftigten in zwölf Produktionsstätten, der vergleichbar große Konkurrent PSA Peugeot Citroën betreibt nur halb so viele Fabriken. Hinzu kommt die Pkw-Absatzkrise in Frankreich. Seit dem Auslaufen der staatlichen Verschrottungsprämien im letzten Herbst ist der Autoverkauf um ein Viertel eingebrochen. Mit der Schließung von Vilvoorde kann Renault mit einem Schlag seine Überkapazität von 200 000 Pkw pro Jahr abbauen und so jährlich 250 Millionen Mark sparen.

Doch die Reaktionen zeigen, wie schnell Risse in der regierenden Linksallianz entstehen, sobald Jospin von der versprochenen Linie abweicht - besonders bei Frankreichs Traumathema Arbeitslosigkeit. So grollte der sozialistische Abgeordnete Julien Dray darüber, daß "eine Linksregierung ausgerechnet damit beginnt, eine Fabrik zu schließen, die den Kampf für Arbeitsplätze symbolisiert". Die Kommunistische Partei, die in Jospins Regierungsmannschaft drei Minister stellt, hält die Schließung für "einen Fehler". Die kommunistische CGT-Gewerkschaft verurteilte, daß "die Finanzrentabilität zu Lasten der Menschen geht".

Dabei hat Jospin Renault-Chef Schweitzer das Zugeständnis abgerungen, daß die Vilvoorde-Schließung zu keiner einzigen Entlassung führt. Der Autokonzern hat deshalb 835 Millionen Mark zurückgestellt. Bezahlt wird damit eine Galgenfrist bis zum Jahresende. Bis dahin soll für jeden Renault-Arbeiter durch Übernahmen in andere Renault-Werke, Vermittlungen an andere Unternehmen und Frühverrentung eine Lösung gefunden werden.