Jerusalem Wie lange darf ein neuer Regierungschef üben? Wie viele Fehler darf er machen und sich hernach damit herausreden, er sammle eben noch Erfahrungen? Der israelische Ministerpräsident Benjamin "Bibi" Netanjahu ist schon über ein Jahr im Amt, regiert aber immer noch wie ein Anfänger. Seine eigenen Leute kritisieren seinen Führungsstil: chaotisch, undurchsichtig, selbstherrlich.

Sogar sein politischer Ziehvater Jitzhak Schamir distanzierte sich jetzt von ihm. Der ehemalige Regierungschef möchte seinen Zögling am liebsten durch einen anderen Likud-Kandidaten ersetzen. Vorschläge hätte er. Einmalig, wie Netanjahu es geschafft habe, Kollegen, Partner und Anhänger in so kurzer Zeit gegen sich aufzubringen, schreibt Joseph Lapid - ein Journalist, der bestimmt nicht zu den von Netanjahu so verhaßten linken Schreibern gehört.

Ist Netanjahu am Ende?

"Bibi ist schlecht für alle" stand auf den Spruchbändern Zehntausender von Demonstranten, die auf dem Rabin-Platz in Tel Aviv vorgezogene Neuwahlen forderten. Das Heer der Enttäuschten wächst stetig, und zwar aus ganz unterschiedlichen Gründen. In der Likud-Partei galt der erzwungene Rücktritt des erfolgreichen Finanzministers Dan Meridor als symptomatisch für das rücksichtslose Machtstreben Netanjahus. Meridor, der in der "Bar-On-Affäre" um die umstrittene Ernennung des Generalstaatsanwalts den Regierungschef kritisiert hatte, mußte gehen, nachdem Netanjahu juristisch entlastet worden war.

Neuer Finanzminister wird nun ausgerechnet der populäre Hardliner Ariel Scharon, den Netanjahu anfangs partout nicht im Kabinett haben wollte, weil er um sein Image fürchtete. Jetzt bekommt der 69jährige Ex-General, was er ursprünglich wollte. Dafür soll er die Widerstände des rechten Regierungslagers neutralisieren, wenn im Herbst über die nächste Phase des Abzugs aus der West Bank entschieden werden muß. Fraglich bleibt, ob Scharon tatsächlich den "großzügigen Rückzug" unterstützen will, den Netanjahu dem amerikanischen Präsidenten versprochen hat.

Gegen den Widerstand von Außenminister Levy will Ariel Scharon auch im "Küchenkabinett" mitmischen, das für die Verhandlungen mit den Palästinensern zuständig ist. Levy fürchtet, daß der völlig blockierte Friedensprozeß dadurch noch mehr gefährdet wird. Denn bis jetzt hat Scharon, der Stratege des israelischen Krieges 1992 gegen die PLO im Libanon, seine Haltung nicht geändert: Für ihn bleibt Arafat ein Kriegsverbrecher und die PLO eine Terrororganisation. Um so überraschender die Nachricht, daß Scharon - noch vor Meridors Rücktritt - heimlich Arafat-Stellvertreter Abu Masen bei sich zu Hause empfangen hatte. Das Treffen soll Scharon als Unterhändler hoffähig machen. Seine Fürsprecher betonen, daß er ja auch ein Pragmatiker sei, eben derselbe, der als Verteidigungsminister im Rahmen der Camp-David-Verträge mit Ägypten grünes Licht für den Rückzug aus dem Sinai gegeben habe. Aber David Levy fürchtet sich vor dem unberechenbaren "wilden Pferd" Scharon, das - einmal losgelassen - keiner mehr zu zügeln vermag. Das wäre dann vermutlich das Ende von Benjamin Netanjahus Regierung.

Was ohnehin permanent in der Luft liegt. Zum vierten Mal seit seinem Amtsantritt hat David Levy gerade wieder seinen Rücktritt erwogen und eine Regierungskrise ausgelöst. Der Außenminister, der mit seiner Gescherpartei sechs Knesset-Abgeordnete stellt, könnte jederzeit zum Sturz beitragen. Aber auch andere reden immer lauter von Flucht aus der Koalition. Die russische Einwandererpartei stehe bereits mit einem Fuß draußen, gab ihr Vorsitzender Natan Scharansky bekannt, der "Dritte Weg" bereitet sich auf Neuwahlen vor.