Eine seltsame Fracht vom Meeresgrund rutschte auf das Deck des deutschen Forschungsschiffes Sonne, als sich die Schaufeln des großen Greifers öffneten: Aus dunklem Schlamm leuchtete schneeweiß eine Masse, die wie Brausepulver schäumte und dabei zusehends schmolz. Hastig sammelten die Forscher rund einen Zentner der weißen Klumpen in Tiefkühlgefäße und bewahrten sie so vor schnellem Zerfall.

Die brausenden Brocken waren eine Sensation. Es handelte sich um die mit Abstand größte Menge an "Gashydraten" oder - chemisch präziser, doch weniger gebräuchlich - "Clathraten", die bisher aus den Ozeanen geborgen wurde. Aus zwei Gründen interessieren sich die Forscher brennend für die Hydrate: Sie bilden einerseits eine ungeheuer große Energiereserve und haben andererseits das Zeug dazu, das irdische Klima maßgeblich zu beeinflussen. In der nächsten Ausgabe der Zeitschrift Geowissenschaften wird eine Gruppe des Geomar-Forschungszentrums in Kiel unter Leitung von Erwin Suess über den ungewöhnlichen Methanhydratfund vor Nordamerikas Westküste berichten, der im Juli 1996 gelang.

Die eisähnlichen Hydrate bilden sich in den Meeresböden massenhaft aus Wasser und Gasen, insbesondere Methan, das auch Hauptbestandteil des Erdgases ist.

Experten schätzen, daß in marinen Gashydraten weitaus mehr Energie gespeichert ist als in sämtlichen bekannten Erdgas-, Erdöl- und Kohlevorkommen zusammen. Allerdings hat dieser Energieschatz eine Kehrseite: Würde sich nur ein geringer Teil davon zersetzen, dann kämen gewaltige Mengen Methan frei - und das ist ein potentes Treibhausgas. Jedes Molekül wirkt fast dreißigmal so stark wie eines des vieldiskutierten Kohlendioxids.

Bis zur erfolgreichen Bergung mit der Sonne hatten Wissenschaftler nur gelegentlich winzige Methanhydratstücke vom Meeresboden in die Hand bekommen.

Auf dem deutschen Forschungsschiff war die Begeisterung groß. Als alle verfügbaren Tiefkühlgefäße gefüllt waren, konnte man sich mit den restlichen Stücken sogar noch ein Spiel mit dem Feuer leisten. "Das Methan der weißen Hydratbrocken", beschreibt Fahrtleiter Suess die bizarre Kokelei, "verbrannte langsam, zuerst mit blauer Flamme. Dann wurde das Wasser ausgetrieben und verdampfte und färbte die Flamme stark gelb, offensichtlich durch Natrium aus dem Meerwasser. Ein eindrucksvolles Schauspiel."

Lange Zeit waren Gashydrate lediglich eine Laborkuriosität. Das erste, ein Chlorhydrat, wurde schon 1810 von dem britischen Chemiker und Physiker Humphry Davy hergestellt. Über die Zusammensetzung und physikalische Struktur von Gashydraten tobten hitzige Dispute. Heute ist klar, daß das Wasser der Hydrate anders als in gewöhnlichem Eis kristallisiert (nämlich kubisch anstatt hexagonal). Die Gasmoleküle sitzen in diesem Kristallgitter wie in winzigen Käfigen.