Lustig ist es geworden am Stammtisch. Und spät. Zu spät nach den Regeln des Gesetzes. Die Sperrstunde ist längst vorüber, da betritt ein Polizist das Lokal. "Das wird aber teuer", herrscht er den verdatterten Wirt an - "und über meine Konzession würde ich mir auch mal Gedanken machen."

Dann wechselt der Beamte den Tonfall. Er sei ja auch nur ein Mensch, sagt er.

Und wie das Leben so spielt, hat er gerade jetzt eine Konfirmationsfeier auszurichten. "Also, den Bußgeldbescheid, den vergessen wir mal, und den Tisch dort in der Ecke, den kann ich doch gleich reservieren?"

Selbstverständlich, antwortet der Wirt erleichtert. "Und wegen der Rechnung machen Sie sich mal keine Sorgen, Sie sind mein Gast." Das wäre doch nicht nötig gewesen, sagt der Polizist - und nimmt an.

Der Wirt zahlt für die Feier. Er zahlt auch für das nächste Zechgelage des Ordnungshüters und für das übernächste. Seine Kosten übersteigen das vermiedene Bußgeld längst um ein Vielfaches. Aber ein Zurück gibt es nicht, schließlich hat er sich ja selbst der Bestechung schuldig gemacht.

Eine ziemlich normale Geschichte aus der deutschen Provinz, glaubt Christian Pfeiffer, der Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen (KFN). In seinem Auftrag und mit Geld von der Volkswagen-Stiftung fragte das Bielefelder Emnid-Institut anonym 7900 deutsche, italienische, türkische und griechische Gastwirte in der ganzen Bundesrepublik, ob ihnen Schutzgeld abgepreßt wird und ob sie unter Korruption zu leiden haben. Das überraschende und alarmierende Ergebnis: Korrupte deutsche Amtsträger sind praktisch genauso verbreitet wie Schutzgelderpresser. Je nach ethnischer Zugehörigkeit berichteten drei bis sechs Prozent, selber vom Amtsträgern abgezockt worden zu sein, 15 bis 28 Prozent kannten Fälle aus dem Bekanntenkreis. Wobei der "Bekannte" wohl häufig der befragte Wirt selbst war, der der Anonymität der Umfrage mißtraute. "Die kleine Alltagskorruption ist viel verbreiteter, als allgemein angenommen wird", sagt Pfeiffer. Früher habe die Justiz Korruption "so nebenbei erledigt", sagt der Hamburger Generalstaatsanwalt Arno Weinert.

Heute beschäftigen sich dort fünf Staatsanwälte mit nichts anderem. Mag sein, daß dies auch die Folge konsequenterer Ermittlungsarbeit ist, Arno Weinert allerdings glaubt: "Bei der Korruption hat sich eindeutig etwas zum Negativen verändert." Warum "so viele Politiker und Amtsträger keinen Sinn mehr darin sehen, redlich zu sein", weiß Weinert natürlich auch nicht, aber es drängen sich ihm Begriffe auf "wie Werteverfall, Ethikdefizite einer materialistischen Erlebnisgesellschaft, in der Eigennutz und Megaspaß wichtiger sind als das Gemeinwohl".