Wäre George Orwells Vision "1984" Wirklichkeit geworden, hätte Ulrich Müller seinen Job auf Nummer Sicher. Ohne Zweifel würde er die automatische Romanschreibmaschine in Ozeaniens Parteizentrale programmieren. Im wahren Leben praktiziert Müller als Frauenarzt in einem Vorort von Zürich, und die Vision findet vorderhand in seiner Freizeit statt. Seit 1984 programmiert er Sara, eine "Poetikmaschine", die im Rechenzentrum der Universität Zürich auf einem IBM-Großrechner läuft. Mit vollem Namen heißt Sara "Satz Random Generator" und ist ein in der Programmiersprache Prolog geschriebenes Expertensystem. Müller hat es gemeinsam mit dem Computerlinguisten Raimund Drewek entwickelt.

Wenn er von seiner dichtenden Schöpfung spricht, huscht freilich ein zärtlicher Ausdruck über Müllers Gesicht: "Sara ist hübsch", schwärmt er, und seine Augen blitzen vergnügt hinter den dicken Brillengläsern. In einem wissenschaftlichen Kolloqium über Androiden hat Müller einmal gesagt, die Dame Sara sei poetisch, interaktiv und trage menschenähnliche Züge.

Seine knapp fünfundsiebzig Jahre sieht man dem erklärten "Sprachkörper-Konstrukteur" nicht an. Nur gelegentlich legt sich seine glatte Stirn in kummervolle Falten, wenn er meint: "Sara ist eine Art Organismus geworden, sehr sensibel, sie kann sogar Migräneanfälle bekommen." Doch auch das hat Ulrich Müller im Griff - schließlich hat er nach Fachausbildungen in Gynäkologie und Chirurgie seinen Doktor in Psychiatrie gemacht.

Begonnen hat seine jetzige Leidenschaft im alten Ägypten. Müller schloß mit beinahe sechzig Jahren noch ein Zweitstudium in Ägyptologie ab und dissertierte über das Thema "Computerlinguistische Studie an 315 altägyptischen Göttersprüchen". Daß er die Texte, die er auf Sarkophagen fand, nicht bloß mit dem Computer entschlüsselte, sondern darüber hinaus mit dem Zufallsgenerator auf zauberhafte Weise vermehrte, gefiel seinem Professor gar nicht. "Für ihn war das schon fast Leichenschändung."

Heute nimmt sich Müller die Lebenden und Toten der deutschen Literatur vor, indem er Sara mit ihren Texten füttert; sie generiert daraus Imitationen und Variationen. Germanisten bricht der Schweiß aus, wenn Müller ihnen Saras literarische Kreationen vorlegt und sie auffordert, aus einem Dutzend Gedichten frei nach Celan das Original herauszusuchen. Worin liegt bloß der Unterschied?

"Schriftsteller sind biologische Rührwerke für den Bilderschlamm des Menschen", behauptet Müller mit Inbrunst, "und Sara ist ein synthetisches, interaktives Rührwerk. Schriftsteller produzieren biologisch-geistige Drogen. Sara produziert synthetisch-geistige Drogen. Am Schluß kommt es auf das gleiche heraus."

Ist Sara also eine kreative Maschine? Heftig schüttelt Müller den Kopf. Das Wort "kreativ", so bekennt er, löse bei ihm Brechreiz aus. Sara "dekonstruiert" vielmehr die Textvorlagen, seziert die Sätze und legt die "syntaktisch-semantische Topographie" blank, wie Müller das Textskelett nennt. Die Wörter verdampften zur "Sprachwolke", einer mehrdimensionalen Matrix, deren Zellen mit grammatischen, psychologischen und inhaltlichen Merkmalen versehen sind.