Montag, 30. Juni 1997

Vorsitzender Richter Heinrich Gehrke: Uns ist bewußt, daß dieser Prozeß im allgemeinen öffentlichen Interesse steht. Dies soll uns aber in keiner Weise an einem ordentlichen, fairen Verfahren hindern.

Verteidiger Franz Salditt: Das Urteil, das die Öffentlichkeit über Dr. Schneider gesprochen hat, kann in Tausenden von Presseberichten nachgelesen werden. Damit, so scheint es, steht der Täter fest. Betrug braucht aber mehr als den Täter. Betrug gibt es nicht ohne Opfer. Banken, die auf gesetzlich vorgeschriebene Schutzmaßnahmen verzichtet haben, tragen eine hohe Mitverantwortung.

Die vom Bundeskriminalamt in beachtlicher Akribie zusammengetragenen Akten sind ein Pharaonengrab voller deutlicher Belege. Sie zeigen, daß bei den Kreditgeschäften im Falle Dr. Jürgen Schneider Zweifel verdrängt, Erkenntnisse unterdrückt und naheliegende Überprüfungen unterlassen wurden. Die Hauptverhandlung wird dem zu gegebener Zeit nachgehen müssen. Darauf sind wir vorbereitet. Wer davon Sensationen erwartet, wird aber enttäuscht werden. Die Verteidigung wird keine Kriegserklärung gegenüber den jeweiligen Banken sein.

Die Kreditfinanzierung des Gesamtunternehmens Dr. Schneider stieg sehr schnell von 750 auf über 5000 Millionen Mark an. Darüber gingen allen Kreditinstituten die laufenden sogenannten Evidenzmeldungen der Bundesbank zu. Sie waren ein Teil des gesetzlichen Alarmsystems.

Die Finanzierungen von mehr als 5 Milliarden Mark entfielen auf die verschiedenen Immobilien. Diese waren bis zum Jahre 1994 nur zum kleineren Teil fertiggestellt. Die Hauptverhandlung wird ergeben, daß die Anschaffungsund Herstellungskosten der fertiggestellten, also der schon in Vermietung befindlichen Immobilien bis zuletzt keinesfalls mehr als 1,3 Milliarden Mark betrugen. Auch das war den Banken zumindest in der Tendenz nicht verborgen. Bauen und Fertigstellen spielten sich vor aller Augen ab.

Aus einem kleinen Anteil schon fertiggestellter und zu vermietender Immobilien ergaben sich nur geringe Ansätze für aktuelle Mieteinnahmen. Aus den gewährten Krediten erwuchsen aber massive Zinsverpflichtungen. Dieser Zusammenhang deutete auf eine für jedermann offenkundige gewaltige spekulative Tendenz des finanzierten Unternehmens hin.