Vergangene Woche im Hamburger Stadtpark: Jimi Tenor. Der Heimorgel-Unterhalter mit der Warhol-Schrägblond-Frisur und der Insektenbrille. Liebkind aller Gazetten im Frühjahr: mal ganz was Schrilles. Pop als arte povera. Und dann noch aus Finnland!

Auf der Bühne aber fallen all die Metapherngirlanden und exzentrischen Photo-Shots der Medien weg. Da bleibt nur der Sänger und das Publikum.

Und die Magie, die er zu entfachen versteht. Oder auch nicht: Jimi Tenor im Sommer ist die aufgeblähte Version einer als arm entworfenen Kunst. Fünf MusikerInnen dampfen und pumpen wie eine Jazzfunk-Lokomotive der siebziger Jahre, der "Star" bemüht sich, dem retroperspektivischen Allerlei die Signatur eines Post-Techno-Entertainments aufzuprägen. Mit dünnem Wackelstimmchen krümmt er sich um das Mikrophon, versucht ohne Fortune, aus seinen Sequencern einen Groove zu destillieren. Die Kargheit des Selbstentwurfs wird unter den Bedingungen der Luxusinszenierung zur Erbärmlichkeit.

Dürrer Applaus, Künstler ab. Hoffentlich für immer.

Gut, daß es noch den anderen Jimi gibt. Hendrix mit Namen. Tot seit sechsundzwanzig Jahren und doch präsent wie nie.

Gerade eben sind wieder Hendrix-Festspiele: Nach einer jahrelangen juristischen Auseinandersetzung wurden die Rechte am Werk der Familie zuerkannt. Gemeinsam mit der Plattenfirma MCA/Universal (Fax 040/35 00 82 99) brachten Vater Al Hendrix und Stiefschwester Janie die Essenz des Back-Kataloges in Originalhüllen und mit üppig betextetem Begleit-Booklet wieder auf den Markt - und zwar sowohl als CD wie auch als superfette Vinyl-Ausgabe fast schon eine historisch-kritische Edition, klanglich entzerrt und veredelt.

Was dem Demiurgen des 18. Jahrhunderts die "Insel Felsenburg", ist dem Archäologen der psychedelischen Ära sein Hendrix: Das Alte Testament einer Musik, die die Wirkung halluzinogener Drogen nachmoduliert, Töne auf die Achterbahn schickt und wie Billardkugeln über die Banden des Klangraums zischen läßt. Zwischendurch funkt Major Jim aus den Tiefen des Alls der zerfließenden Uhren und der bunten Farbfeuerwerke immer wieder zur Bodenstation. Die liegt im tiefsten Mississippidelta, wo der Blues aus dem Sumpfboden geschürft wird.