RTL, Freitag, 4. Juli und Samstag, 5. Juli: "Travestie"

Vor zehn Jahren machte das Buch "Die Tyrannei der Intimität" des New Yorker Soziologen Richard Sennett Furore. Seine zentrale These: Der Mensch, allemal der public man, ist der geborene Schauspieler.

Er kann nicht nur verschiedene Rollen spielen, er will es auch, er braucht den Wechsel der Identitäten, um ganz Mensch zu sein.

Dies wußte noch das 18. Jahrhundert, in seiner Höflingswelt durfte man sich täglich neu verstellen, und auch das Volk war sich darüber klar, was eine Maske ist.

Dann kam das Bürgertum mit seinen Ehrlichkeitszwängen und zerstörte eine ganze Kultur des Scheins und des Spiels. An deren Stelle setzte es das platte Individuum, das heute im Psycho-Boom seine Leere offenbart. Glaubwürdigkeit statt Staatskunst, simples Ich statt multipler Persönlichkeit: Wir haben viel verloren.

Und manches wiedergewonnen. Dies aber will der Kulturpessimist nicht wahrhaben. Dieselben Leute, die Sennetts Buch bejubelten, schimpfen gewohnheitsmäßig auf das Fernsehen, und zwar besonders auf solche Programmsparten, die sich mit intimen Themen befassen.

Dabei feiert gerade in Sendungen aus dem Pandämonium des Sexus jene Lust an der Verwandlung ihre Auferstehung, die Sennett von bürgerlicher Eigentlichkeit verdrängt sah. Das "Tyrannische" an der Intimität ist gerade nicht ihre Verspieltheit, ihre Varianz, ihre Lust an der Grenzgängerei und auch nicht das marktschreierische Gehabe, mit dem sie sich in Szene setzt, sondern umgekehrt ihre Ernsthaftigkeit, ihr protestantischer Asketismus - also just das, was im Fernsehen fehlt. Was sich dort breitmacht und zum Beispiel von der unverwüstlichen Erika Berger mit ihrem Altwiener Charme serviert wird, wie etwa "Die heimliche Lust, eine Frau zu sein", das ist gerade die Wiederkehr der Sennettschen Verstellungsfreude, mit der wir alle geboren werden und die einige von uns nun im Fernsehen ausleben.