Abends um sieben ist seine Welt in Ordnung. Die Show beginnt, wenn der Saal noch leer ist. Geschmeidig schreitet er den weichen Teppich seiner Bühne ab, einer Bühne, die zugleich Zuschauerraum ist. Die goldbetreßten Schultern wenden sich galant den Tischen zu, an denen er nun das Publikum positioniert.

Für ihn sind es Mitspieler. Mitspieler in einem Stück, dessen Dramaturgie jeden Abend gleich und doch immer wieder anders ist. Seit 35 Jahren steht es auf seinem Spielplan, seit 35 Jahren hat er die Hauptrolle: dirigiert, souffliert, parliert, hofiert - serviert.

Abends um sieben prüft Franco Occhi ein letztes Mal, ob tatsächlich alles in Ordnung ist. Der silbergraue Scheitel, der Sitz der weißen Kellnerjacke, die Anordnung der Bestecke und Gläser auf den Tischen - alles comme il faut. Und doch sind die Züge um die stahlblauen Augen und die linealgerade Nase nicht frei von Anspannung, als die ersten Gäste den eleganten Speisesaal betreten.

"Guten Abend, gnädige Frau, der Herr, bitte schön ..." Franco Occhi dreht auf, als er das Paar zum Tisch begleitet, doch keinen Tick zuviel. Ein Profi. Das richtige Gespür hat er schon damals in seinem italienischen Elternhaus gehabt. Zwischen Mechaniker und Kellner sollte der Vierzehnjährige sich entscheiden. Und beschloß, Ober zu werden.

Abends um sieben ist für den pensionierten Fabrikanten aus dem Rheinland und seine Frau immer Tischzeit. Ganz gleich, ob zu Hause oder im Urlaub. Rituale vermitteln das Gefühl, daß die Welt noch in ihren Angeln ist. Dazu gehört seit Jahrzehnten die Fahrt in den alten Kurort Badenweiler wie der Aufenthalt in diesem Grandhotel, das der Phantasie Thomas Manns entsprungen sein könnte.

In einer Welt, die solche Romane längst überholt hat, sind Bauwerke wie die 170 Jahre alten Mauern des "Hotels Römerbad" letzte Refugien des Adels und der Reichen. Menschen wie Franco Occhi helfen, sie zu bewahren.

Für Occhi ist das mehr als eine Selbstverständlichkeit. "Ich möcht' sagen, es ist doch auch schön hier, oder finden Sie nicht?" Kokett zieht er seine Augenbrauen hoch und verhehlt nicht, wie genüßlich er sich in diesem Understatement badet. Schön ist sein Arbeitsplatz und vornehm. Und - das erkennt er neidlos an - so edel, daß nicht jeder es sich leisten kann, hier bei ihm zu speisen. Wenn Franco Occhi so höflich spricht, scheint es, als gleiche sich nicht nur die gedämpfte Tonlage, sondern auch die Physiognomie den Menschen an, von denen er hier täglich umgeben ist. Sein schönes Adlergesicht nimmt dann förmlich aristokratische Züge an. Daß sich in letzter Zeit auch immer mehr Gelegenheitsdiebe unters erlesene Publikum mischen, nimmt er gelassen. Das stört ihn nicht. "Nur muß man, möcht' ich sagen, den Etablierten immer das Gefühl lassen, daß sie eben die Etablierteren sind."